ein tödliches System

Dieser Blogpost ist die leicht gekürzte Übersetzung eines (lesenwerten, aber ziemlich langen) Beitrags auf der Plattform African Feminism, der die lebensgefährliche Lage queerer Personen im Senegal beschreibt und – entgegen des Narrativs von Queerness als „westlichem Konzept“ – die koloniale und neokoloniale Unsichtbarmachung afrikanischer Diversität beleuchtet. Hintergrund ist eine im März verabschiedete und nun durch Unterschrift des Präsidenten in Kraft gesetzte drastische Strafverschärfung für gleichgeschlechtliche Beziehungen und deren „Förderung“ oder „Finanzierung“.
Auch wenn die Situation hier (glücklicherweise!) weit entfernt von einer Bedrohung queerer Existenz wie im Senegal oder in anderen Ländern, nicht nur afrikanischen, ist, hat die Mobilisierung gegen queere und trans* Personen (bzw. ‚Gender‘ allgemein) zur Forcierung der hierarchisierten binären Geschlechter- und Gesellschaftsordnung zuletzt ebenfalls zugenommen. Entsprechend werden Kampagnen gegen LGBTIQ+ auf dem afrikanischen Kontinent nicht nur, wie auch im Artikel erwähnt, aus den USA unterstützt, sondern ebenso von europäischen fundamentalistischen Organisationen, wie Ordo luris aus Polen oder Christian Voice aus Großbritannien.1Āryā Jeipea Karijo, Haley McEwen, Joy Asasira, Olabukunola Williams:Guns and Bibles: How US radicalisation threatens African states’ security, openDemocracy, 07.08.2025, https://www.opendemocracy.net/en/5050/guns-and-bibles-how-us-radicalisation-threatens-african-states-security/.
Asylrechtlich gilt der Senegal hier übrigens als „sicherer Herkunftsstaat“, d. h. es wird davon ausgegangen, dass dort keine Verfolgung droht, und Flüchtende unterliegen zusätzlichen Einschränkungen und haben wenig Chancen auf Anerkennung.2Dazu unter anderem: Dr. Claudia Engelmann: Sichere Herkunftsländer, Bundeszentrale für politische Bildung, 09.05.2016, https://www.bpb.de/themen/migration-integration/kurzdossiers/227456/sichere-herkunftslaender/. Der LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt fordert deshalb (unter anderem) die Streichung des Senegals von der Liste „sicherer Herkunftsstaaten“3Asylrecht: Ghana und Senegal keine sicheren Herkunftsstaaten,
LSVD⁺ – Verband Queere Vielfalt e.V., https://www.lsvd.de/de/ct/6722-ghana-senegal-keine-sicheren-herkunftsstaaten.
,was im derzeitigen Klima jedoch leider kaum passieren wird.

Mehrere Schwarze Frauen* tragen ein Transparent mit der Aufschrift: „Stop deportation for LGBTIQ* & all“

Aber hier kommt jetzt der übersetzte Beitrag, aus Sicherheitsgründen von dem*der senegalesischen Autor*in anonym geschrieben:

Autopsie eines tödlichen Systems: Wie Senegal seine queeren Bürger*innen zur Zielscheibe machte

Zwei Tage nach Verabschiedung der neuen, strikten Anti-Queer-Gesetzgebung im Senegal wurde der 17-jährige Malick Ndiaye getötet. Als Ndiaye, ein Trommler, in Tivaouane-Peulh in der Region Thiès östlich der Hauptstadt Dakar vor seinem Zuhause saß, näherte sich ihm eine Gruppe von Jugendlichen im Alter zwischen 13 und 15 Jahren, die ihn mit homophoben Beschimpfungen beleidigten. Sie sagten ihm, alle traditionellen männlichen Trommler im Senegal seien homosexuell. Als sie ihn angriffen, versuchte Ndiaye, sich zu verteidigen, und einer der Jugendlichen stach mit einem Messer auf ihn ein. Er starb später im Krankenhaus.

Wenige Wochen davor war der bekannte Fernsehmoderator Pape Cheikh Diallo zusammen mit Dutzenden anderer wegen des Verdachts auf Homosexualität in einem Fall festgenommen worden, der öffentlich Empörung erregte, weil die Behörden bewusst Homosexualität und die Übertragung von HIV in eins setzten. Im gleichen Zeitraum wäre ein junger Mann in Ouest Foire, einem Stadtteil von Dakar, fast gelyncht worden, nachdem er beschuldigt worden war, feminin zu sein und eine bine bine (Hüftperlenkette) zu tragen. Um sein Leben zu retten, rannte er in ein Haus und bat, die Polizei zu rufen. Als diese eintraf, nahm sie ihn wegen Verdachts auf Homosexualität fest.

Diese Fälle sind äußerst erschütternd und bedrückend, aber zurzeit im Senegal nicht überraschend. Genau auf diese Weise stärkt die staatliche Homophobie die gesellschaftliche Homophobie und umgekehrt. Indem die senegalesische Regierung eine Priorität auf den homophoben Diskurs setzt, gibt sie Bürger*innen die gesellschaftliche Erlaubnis, alle zu überwachen, zu schikanieren, zu verletzen und zu töten, die sie verdächtigen, sich außerhalb der diktierten Geschlechternormen zu befinden und zu leben.

Systemische Auslöschung des queeren Senegals
Heute reden im Senegal die meisten Menschen selbst auf persönlicher Ebene nicht mehr über Sexualität, trotz der Geschichte und der umfangreichen Forschungen senegalesischer Wissenschaftler*innen in diesem Bereich. Wenn LGBTQ-Identitäten in der Öffentlichkeit thematisiert werden, wendet sich das Gespräch schnell Religion, Moral oder Politik zu. Selten dreht es sich um das Menschsein der betroffenen Personen. Für LGBTQ-Personen im Senegal bedeutet das Alltagsleben, dass sie sich verstecken müssen, still bleiben und in der Angst leben, entlarvt, festgenommen oder getötet zu werden.


Der Homosexualität verdächtigte Personen sind von Mobs angegriffen, öffentlich erniedrigt und ermordet worden — und die Gewalt wird aufgrund der Straflosigkeit immer unverfrorener.

Am 11. März beschloss die senegalesische Nationalversammlung, die Höchststrafe für gleichgeschlechtliche Beziehungen von fünf auf zehn Jahre zu verdoppeln. Die Bezeichnung „widernatürliche Handlungen“ umfasst dabei Homosexualität, Bisexualität und „Transsexualität“. Das geänderte Gesetz stellt zudem das Eintreten für solche Beziehungen oder deren Finanzierung unter Strafe. Einer weitere Verdrehung ist, dass das Gesetz auch die Bestrafung für falsche Anschuldigungen erhöht. Es wurde fast einstimmig verabschiedet und wartet nun auf die Zustimmung des Präsidenten.

Die Geschichte des queeren Senegals, die sie nicht begraben können
Die Goor-Jigeen, was sinngemäß übersetzt „Mann-Frau“ auf Wolof bedeutet, nahmen früher eine angesehene Rolle in der senegalesischen Gesellschaft ein und umfassten Männer, die Männer liebten, und solche, die Weiblichkeit verkörperten, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung. Frauen schätzten sie als Begleiter und Unterhalter, und Ehen mit Männern waren gesellschaftlich akzeptiert. Koloniale und postkoloniale Verschiebungen drängten später diese integrierte Identität an den Rand.

Laut einigen Literaturquellen wurde Dakar 1949 als „schwule“ Stadt bezeichnet, wobei die Akzeptanz Berichten zufolge bis in die 1970er Jahre wuchs. Die Forschung hat gezeigt, dass Leopold Sédar Senghor, der erste Präsident Senegals, und Blaise Diagne, 1916 der erste ins französische Parlament gewählte afrikanische Abgeordnete, die Begriffe grandes dames und goorjigéen in ihren Wahlkampagnen verwendeten.

Der senegalesische Anthropologe Cheikh Ibrahima Niang hat ausführlich darüber publiziert, wie sich die Bedeutung von Goor-Jigeen seit den 1980er Jahren verengt hat und heute nur noch einen passiven Partner bei männlicher Homosexualität bezeichnet, wodurch eine früher fluide Identität auf eine stigmatisierte Kategorie reduziert wurde. Diese neue Bedeutung hat Gewicht: Goor-Jigeen werden als Verletzung einer Ehrenkultur betrachtet.

Der senegalesische Wissenschaftler Babacar M’Baye stellt in The Origins of Senegalese Homophobia: Discourses on Homosexuals and Transgender People in Colonial and Postcolonial Senegal fest, dass Menschen während des islamischen Feiertags Tamkharit (Aschura) crossdressen und neue Geschlechterrollen annehmen, was einen symbolischen Raum für Geschlechtervielfalt in der senegalesischen Kultur aufzeigt.

Die Unterdrückung homosexueller und geschlechtsnonkonformer Menschen im Senegal ist eine oberflächliche, binäre Reaktion auf den Neokolonialismus.

M’Baye sagt, dass die aktuellen homophoben Diskurse, die sich auf Patriotismus, kulturelle Differenz und Moral berufen, um die Unterwerfung homosexueller und gendernonkonformer Menschen im Senegal zu rechtfertigen, im Wesentlichen binäre Reaktionen auf den Neokolonialismus sind. Er betont, dass zahlreiche Beschreibungen von Homosexuellen und trans Personen im heutigen Senegal den Darstellungen in europäischen Schriften aus der Kolonialzeit ähneln. Eine kurze Suche in den sozialen Medien nach Goor-Jigeen führt heute in eine Welt der schlimmsten Entmenschlichungen und Gewalt gegen queere Menschen.

Erneuerte anti-queere Mobilisierungen
Im August 2025 berichteten die Medien, dass durch Ermittlungen in Frankreich ein internationales pädokriminelles Netzwerk aufgedeckt worden sei. Pierre Robert, ein vermögender 72-jähriger französischer Geschäftsmann, sei festgenommen worden, da er den sexuellen Missbrauch von bis zu 150 Kindern organisiert habe, darunter etwa 20 Opfer im Senegal. Ein besonders schwerwiegender Charakterzug kam an den Tag: die vorsätzliche Übertragung von HIV. Im Februar 2026 wurden 12 Personen, darunter Pape Cheikh Diallo, wegen angeblicher Homosexualität festgenommen.

Obwohl diese beiden Fälle keinen Bezug zueinander hatten, versuchte der anschließende Diskurs, eine Verbindung zwischen ihnen herzustellen, und ermöglichte eine entsprechende Verschiebung des Narrativs. Die Öffentlichkeit beschuldigte Diallo schnell, die Marionette eines weißen Mannes zu sein, um HIV an kleine Jungen zu übertragen. Noch einmal: Die Fälle Diallo und Robert Pierre sind unterschiedliche. Bei Letzterem handelt es sich um einen Pädophilenring, während es im Fall Diallo um Erwachsene geht, die in erwünschte körperliche Handlungen einwilligen. Queerness ist keine Form des Missbrauchs, wie es der senegalesische Staat in Gesetzen und in diesen Fällen zu unterstellen versucht hat. Queere Personen können, wie alle anderen in der Gesellschaft auch, Täter*innen sein, aber die Darstellung, dass Queerness gleichbedeutend mit Missbrauch sei, ist eine deutliche Aufrüstungstaktik des Staates und der Gesellschaft zur Schikanierung und Bedrohung.

Im Plenarsaal der Nationalversammlung sagte einer der Abgeordneten, Diaraye Bah: Les homosexuels ne vont plus respirer dans ce pays ; les homosexuels n’auront plus la liberté d’expression dans ce pays… (Homosexuelle werden in diesem Land nicht mehr frei atmen können; Homosexuelle werden in diesem Land keine Meinungsfreiheit mehr haben).

Alle Menschen verdienen es zu atmen, auch im Senegal. Der junge Malick Ndiaye sollte noch atmen. Lediglich ein Teenager, der in bitterem wirtschaftlichem Elend versuchte, sich als Trommler über Wasser zu halten, wurde er von Kindern in seiner eigenen armen Community getötet, wurde ihm das Atmen und Leben wegen einer politisch motivierten Homophobie verwehrt, die Selbstjustiz fördert. Ndiayes junges Leben wurde durch die politische Homophobie, die eine soziale Kontrolle zulässt, die festlegt, wer im Senegal atmen darf und wer nicht, vorzeitig beendet.

Vor etwa zwei Wochen wurde über ein 14-jähriges Mädchen berichtet, das von einer Gruppe von Teenagern im Alter von 12 bis 15 Jahren vergewaltigt wurde. In der Schikanierung, Folterung und Ermordung von Menschen, die sie der Homosexualität verdächtigen, und der Vergewaltigung von Mädchen hat die Jugend ihre Bewältigungsmechanismen gefunden, um dem Elend des Landes zu entkommen. Unglücklicherweise nutzen sie weibliche und queere Menschen als Blitzableiter.

Bis März wurden in Verbindung mit dem Fall des Fernsehmoderators Diallo 41 Personen festgenommen, denen Homosexualität vorgeworfen wird, und die Zahl steigt täglich, wobei viele in diesem Klima der Angst noch ohne Rechtsbeistand sind. Während sich bisher die meisten Schlagzeilen auf die Festnahmen der Männer konzentriert haben, tauchen neuerdings Berichte über ein „lesbisches Netzwerk“ auf, das ins Visier polizeilicher Ermittlungen geraten sei. Viele Quellen verzeichnen zwar die Existenz schwuler Männer und von trans Ausdrucksformen, aber die Erfahrungen queerer Frauen sind im Senegal im Dunkeln geblieben, ebenso wie die Gewalt gegen sie.

Die Feindseligkeit hat sich verstärkt, Gesetzesänderungen und Hassrhetorik erlauben allen in der Gesellschaft, zu schikanieren, zu misshandeln und zu töten.

Queere Senegales*innen sind zu Zielscheiben, Verdächtigen und Staatsfeind*innen gemacht worden, während die staatliche Führung auf der Populismuswelle reitet und dabei erotischen Nationalismus einsetzt. Erotischer Nationalismus ist der Prozess, in dem politische Akteur*innen sexuelles Begehren, Sexualverhalten und sexuelle Identität mobilisieren, um die Grenzen einer imaginären Gemeinschaft zu bestimmen, und diese intimen Facetten des Lebens in wirkungsvolle Waffen umwandeln, um festzulegen, wer ein legitimes Anrecht auf Zugehörigkeit hat und wer aus dem nationalen Kollektiv ausgeschlossen wird. In ihrem Wettstreit darum, Homosexuelle zu verletzen und aus der Gesellschaft zu verbannen, käuen religiöse Führung, Politiker*innen und Medienvertreter*innen regelmäßig die Lügen wieder, Homosexualität sei etwas Fremdes, ein von außerhalb Afrikas importiertes „westliches Konzept“.

Zwei Schwarze Hände sind in einander verschränkt und eine der Hände ist mit einem Band in Regenbogenfarben umwickelt.
(Foto: Anete Lusina auf Pexels)

Wer gewinnt durch politische Homophobie?
Präsident Bassirou Diomaye Faye und Premierminister Ousmane Sonko hatten im Wahlkampf versprochen, queeres Leben zu kriminalisieren, und dieses Thema war für sie in Anbetracht der Frustration nach ihrer bisher zweijährigen Amtszeit sozusagen das dünnste Brett, das sie bohren konnten. Präsident und Premierminister sind in einen offensichtlichen Machtkampf verstrickt, während das Land mit aufeinanderfolgenden Schuldenkrisen konfrontiert ist und Haushalte unter Ernährungsunsicherheit und wirtschaftlichem Elend leiden. Die Anti-Queer-Gesetzgebung ist das, was sie angesichts einer hohen gesellschaftlichen Zustimmung gemeinsam umsetzen konnten, während sie sich mit ihrer langen Liste gescheiterter radikaler Wahlversprechen herumschlagen.

Doch trotz aller Projektion und der versuchten Auslöschung queerer Existenz im Senegal geschah dies nicht ohne Hilfe von außen. Eine Untersuchung von Reuters hat gezeigt, dass eine in den USA ansässige Gruppe, MassResistance, im Vorfeld der Gesetzesverabschiedung mit einem senegalesischen aktivistischen Netzwerk, And Samm Jikko Yi, in einer Kampagne zusammenarbeitete – ein wirklicher Spiegel des anhaltenden westlichen Einflusses auf das senegalesische Leben. Politische und konservativ-religiöse Führungen profitieren davon, während sie unseren Gemeinschaften eine gefährliche Selbstüberwachung und weitere Gewalt gegen „verdächtige“ queere Menschen unterschieben.

Die Entmenschlichung und massive Mobilisierung von Gemeinschaftsgefühlen verschleiern das eigene Versagen der Regierung, ihre Unfähigkeit, die Menschen zu ernähren, zu bilden und insgesamt für sie zu sorgen.

Dieses Regierungsversagen lässt sich an der Geschwindigkeit messen, in der sich ihre politische Homophobie innerhalb der Gesellschaft reproduziert, wobei die Jugend mittlerweile alltägliche Akte des Hasses und abscheulicher Gewalt begeht, die der Staat normalisiert hat.

Die beiden Führer und ihre Unterstützer*innen wollen queere Menschen aus unserer Geschichte, unserer Sprache und dem senegalesischen Leben löschen. Damit wird die Debatte weg von den echten Menschen, mit echten Familien, echten Träumen und gesellschaftlichen Beiträgen und hin zur politischen Darbietung von Rechtschaffenheit und falschen Schuldzuweisungen in der Gemeinschaft gelenkt. Die Hassrhetorik mindert die Menschenwürde und verleiht die Macht, zu bestimmen, wer sie erhalten soll, wer einer Person ihre Sexualität zuerkennt oder abspricht. Warum ist es so schwer zu akzeptieren, dass jemand ohne Einfluss von außen eine Person des gleichen Geschlechts lieben kann? Die Schuldzuweisung an den Westen ist ein Mittel, um der Realität auszuweichen! Nicht einmal der Westen kann uns erschaffen. Der Westen hat uns hier gefunden und versucht, uns auszulöschen! Wir sind seit Generationen hier. Wir sind hier, um ihnen zu sagen: Wir existieren in dieser Gesellschaft, als Kinder Gottes, ebenso wie alle anderen auch.

Die weiterhin gegen uns eingesetzten Werkzeuge des Herrn
Die senegalesische Gesellschaft hat uns markiert, uns ins Visier genommen, sie verlangt nach unserem Blut und fordert unseren Tod als Schwule, Lesben, trans und queere Personen. Die gesellschaftliche und politische Agitation gegen uns, die queeren Senegales*innen, ist so aufgeladen, dass fälschlich angenommen werden könnte, wir beraubten unsere eigene Gemeinschaft allein durch unsere Existenz.

Aber die Politik sozialer Ausgrenzung und die Verurteilungen, die der Bevölkerung eine normative Konformität einbläuen sollen, haben im Senegal ebenso wie in anderen Teilen Afrikas eine lange Geschichte. Dieser Prozess wurde durch die koloniale Logik der „Zivilisierung“ Afrikas angestoßen. Die kolonialen Versuche, Afrikaner*innen ihr Afrikanischsein zu nehmen, waren ein zutiefst vergeschlechtlichter kultureller Prozess; die Arten und Weisen selbst, wie wir Geschlecht als divers kannten, lebten, liebten, uns ausdrückten und Wissen über Zeit und Raum hinweg vermittelten, wurden auf den Kopf gestellt. Die Versuche, afrikanische Lebensweisen auszulöschen, umfassten die Kriminalisierung und gesellschaftliche Umgestaltung dessen, was als „akzeptierte Sexualität“ galt.

Die Auflösung unserer diversen Lebensweisen und gesellschaftlichen Übereinkünfte des Zusammenlebens war ein Hauptinstrument, um den sozialen Zusammenhalt in Afrika zu erschüttern – ein Projekt, das die wirtschaftliche und politische Zerstörung ergänzte. Die Werkzeuge des Herrn werden auch über den Senegal hinaus weiter gegen uns eingesetzt, bei über 30 afrikanischen Ländern, die queeres Leben unter Strafe stellen. Der Kolonialherr lehrte die Afrikaner*innen, Heterosexualität sei die einzige „natürliche“ Art zu sein und zu lieben.

Trotz allem, was vielfältige afrikanische Kulturen zuvor praktiziert hatten und was unsere Spiritualität uns sagte, institutionalisierten die kolonial neu konstruierten afrikanischen Staaten diese Auslöschung genderdiverser Menschen und sie bestrafen immer noch sowohl die Menschen als auch ein abweichendes Wissen und verweigern sich einer Dekolonisierung. Daher sollte die Bestrafung der „Förderung von Homosexualität“ als das gesehen werden, was sie ist – als eine koloniale Fortsetzung der epistemischen Unrechtspraxis und der Versuche, unterschiedliche Ansätze von öffentlichem Wissen und Bewusstsein zu kriminalisieren. Es geht ebenso sehr um die Forderung nach dem Tod queeren Lebens wie es um den Tod afrikanischer Arten und Weisen des Wissens und Seins geht.

Die Fragilität gewalttätiger Kulturen
Befürworter*innen von Gesetzen gegen Homosexualität behaupten, diese schützten die senegalesische Kultur, Tradition und Religion, in der Annahme, dass queere Menschen nicht existierten und ihre Existenz die Kultur bedrohe. Aber eine Kultur, die wegen der bloßen Anerkennung ihrer eigenen Angehörigen zusammenfällt, war nie eine Kultur, sondern eine Hasskultur. Das neue Gesetz treibt uns weiter in den Untergrund, richtet sich aber auch gegen Aktivist*innen, Anwält*innen, Journalist*innen und andere in bestimmten Berufen tätige Personen, die sich für queere oder nach diesem Gesetz angeklagte Personen einsetzen. Es fördert die Kultur der Unterdrückung diverser Stimmen.

Die derzeitige Mobilmachung von Religion, Kultur und Tradition, um die Vorstellungen der Menschen davon zu prägen, wer geliebt werden darf und wer nicht, hat für uns als Land weitreichendere Konsequenzen. Nicht-cisheterosexuelle Menschen in Ehen zu zwingen, ist ein Eingriff in das Leben queerer Menschen ebenso wie in die Gesellschaft selbst. Diese Scheinkultur ebnet den Weg für vorgetäuschte heterosexuelle romantische Beziehungen und Ehen, wenn die Alternative der Tod ist.

Wenn sich queere Personen zusammenfinden und sichere Räume außerhalb einer Gesellschaft schaffen, die sie verurteilt, blühen sie auf. Mit den erneuten Mobilisierungen haben wir das Outing von Gemeinschaften und ihre Etikettierung als als kriminelle Gruppen erlebt. Dieselbe Gesellschaft, die die Menschen an den Rand gedrängt hat, bestraft sie dafür, dass sie sich dort ein Leben aufbauen. In diesem Umfeld erneuter gesellschaftlich sanktionierter Gewalt werden die Kosten eines Lebens im Verborgenen immer höher. Queere Menschen müssen ständig auf sich achten, auf jedes Wort, jede Geste, jede Äußerung, nur um einigermaßen sicher zu sein – und das ist gerade viel schwerer geworden. Auch der Zugang zu Gesundheitsversorgung ist fast unmöglich, da das Gesetz die „Förderung“ von Homosexualität ins Visier nimmt. Das macht unsere Gemeinschaften nicht sicherer.

Für manche ist das Verlassen des Senegals die einzige Option, doch selbst das ist ein Luxus, den sich wenige leisten können. Nicht alle können fortgehen und wir sollten nicht aus unserem eigenen Land fliehen müssen. Senegalesische LGBTQ in der Diaspora beschreiben oft eine schmerzhafte Erleichterung: endlich frei atmen zu können, aber gleichzeitig von Familie, Sprache, Kultur und ihrem Zuhause abgeschnitten zu sein.

Senegalesische LGBTQ-Personen sind keine Symbole oder Debattenpunkte. Wir sind eure Kinder, Freund*innen, Cousins*Cousinen, Student*innen, Arbeiter*innen, Nachbar*innen, Ärzt*innen und ja, eure Lieblingsprominenten. Wir existieren in der senegalesischen Gesellschaft, auch wenn diese Gesellschaft vorgibt, es gäbe uns nicht. Worauf das hinausläuft, ist einfach: Wir wollen in unserem Land in Würde leben. Kein Gesetz kann uns davon abhalten, einander zu lieben und unsere Wahrheit zu leben.

Von einer queeren senegalesischen Stimme – aus Sicherheitsgründen anonym, der Auslöschung trotzend


Quelle: Autopsy of a Deadly System: How Senegal Made Targets of Its Queer Citizens (African Feminism, 23.03.2026)

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