Geld für Afghan*innen mit Aufnahmezusagen, wenn sie auf ihre Einreise nach Deutschland verzichten oder gerichtliche Klagen auf eine Visaerteilung zurückziehen: Dieses zynische Angebot hatte das Bundesinnenministerium zunächst im November an zum Teil seit Jahren in Pakistan auf Aufnahme wartende afghanische Feminist*innen, Menschenrechtler*innen, Journalist*innen, Anwält*innen… schicken lassen.1Philipp Eckstein/Claudia Kornmeier: Afghanistan-Aufnahmeprogramme: Geld gegen Hoffnung, Tagesschau, 04.11.2025, https://www.tagesschau.de/investigativ/hsb/aufnahmezusagen-afghanistan-100.html; Martin Sökefeld: Aufnahme von Menschen aus Afghanistan. Geld statt Schutz, die tageszeitung, 05.11.2025, https://taz.de/Aufnahme-von-Menschen-aus-Afghanistan/!6127121/; Atiena Abednia: „Leben aufgegeben, alles verkauft“: Afghanen kämpfen um ihre Einreise, NDR, 04.12.2025, https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/leben-aufgegeben-alles-verkauft-afghanen-kaempfen-um-ihre-einreise-nach-deutschland,afghanen-122.html. Bereits im Sommer hatte Pakistan über zweihundert Wartende nach Afghanistan abgeschoben, wo ihnen Verfolgung durch die Taliban droht. Inzwischen wurde ungefähr die Hälfte der Aufnahmezusagen von Innenminister Dobrindt widerrufen und auch afghanische Ortskräfte, die für deutsche Organisationen und Einrichtungen gearbeitet haben, sind betroffen. Es bestehe „kein politisches Interesse“ mehr an ihrer Aufnahme, war die (ebenso wie das Geldangebot) zynische Mitteilung.2Claudia Kornmeier, Peter Hornung: Afghanische Ortskräfte: Dobrindts Versprechen – gebrochen, die Tagesschau, 09.12.2025, https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/afghanistan-ortskraefte-dobrindt-100.html; Bernd Riegert: Innenministerium widerruft Aufnahmezusagen für Afghanen, Deutsche Welle (DW), 10.12.2025, https://www.dw.com/de/innenministerium-widerruft-aufnahmezusagen-afghanistan-pakistan-deutschland-ortskraefte/a-75097945; Regierung widerruft Aufnahmezusagen: Sitzen gelassen in Pakistan (afp), die tageszeitung, 20.01.2026, https://taz.de/Regierung-widerruft-Aufnahmezusagen/!6147139/.
Der Druck ist also hoch. „Ich weigere mich, mein Leben zu verkaufen“, sagte die afghanische Journalistin und Frauenrechtlerin Amena Haidary, der 6.500 Euro angeboten worden waren (die übliche Zahlung für Alleinstehende), dennoch vor einigen Tagen.3Can Merey: Afghanische Familien lassen sich nicht kaufen, Frankfurter Rundschau, 12.04.2026, https://www.fr.de/hintergrund/afghanische-familien-lassen-sich-nicht-kaufen-94258496.html. Natürlich würde das Geld die Journalistin weder vor einer unmittelbaren Bedrohung noch vor den gefängnisähnlichen weiblichen Lebensbedingungen im jetzigen Taliban-Afghanistan schützen.
Kleidungs- und Bewegungsfreiheitsvorschriften (z. B. Ausgang ausschließlich in Begleitung eines männlichen Verwandten), Bildungs- und Arbeitsverbote, Sing- und Sprechverbote sind einige der seit der Machtübernahme der Taliban 2021 erlassenen Bestimmungen4Siehe unter anderem: Christian Stör: Unterdrückung in Afghanistan: Frauen und Mädchen leiden unter dem Taliban-Regime, Frankfurter Rundschau, 16.10.2025, https://www.fr.de/politik/taliban-regime-unterdrueckung-in-afghanistan-frauen-und-maedchen-besonders-betroffen-zr-93989412.html; Taliban erlassen „Tugend“-Gesetz in Afghanistan (AR/se (epd, afp, ap)), Deutsche Welle (DW), 23.08.2024, https://www.dw.com/de/taliban-erlassen-tugend-gesetz-in-afghanistan/a-70028215; Shabnam von Hein: Afghanistan: Angst vor Abschiebungen in ein „sicheres“ Land, Deutsche Welle (DW), 11.06.2025, www.dw.com/de/wie-sicher-ist-afghanistan-taliban-frauen-mädchen-zwangsehe-v1/a-72867211.; ein neuer afghanischer Strafkodex legalisiert außerdem die eheliche Gewalt gegen Frauen*5Taliban-Dekret löst Besorgnis bei UN-Frauenorganisation aus (DIE ZEIT, dpa, tlf), DIE ZEIT, 26.02.2026, https://www.zeit.de/politik/ausland/2026-02/afghanistan-taliban-frauenrechte-gefaengnis; Maiyra Chaudhry: Neuer Strafkodex in Afghanistan: Knochen brechen verboten, die tageszeitung, 19.03.2026, https://taz.de/Neuer-Strafkodex-in-Afghanistan/!6163665/.. Diesem neuen Strafgesetzbuch zufolge ist „die Ehefrau die ‚Sklavin‘ oder ‚Dienerin‘ ihres Ehemannes, der Vater ist der ‚Herr‘ seiner Kinder und seiner Ehefrau, die ‚höheren Klassen‘ sind die ‚Herren‘ der ‚niedrigeren Klassen‘ “.6News:Keine Gleichheit mehr vor dem Gesetz in Afghanistan, Pro Asyl, 17.02.2026, https://www.proasyl.de/news/keine-gleichheit-mehr-vor-dem-gesetz-in-afghanistan/.
Trotz dieser Verhältnisse und der laufenden deutschen Gerichtsverfahren hatte die Bundesregierung Amena Haidary und andere aufgefordert, bis Dienstag dieser Woche ihr Gästehaus in Pakistan zu verlassen. Haidarys Anwältin hoffte mit einem Antrag beim Bundesverfassungsgericht zu erreichen, dass ihre Mandantin nicht vor die Tür gesetzt wird7Can Merey: Afghanische Familien lassen sich nicht kaufen, Frankfurter Rundschau, 12.04.2026, https://www.fr.de/hintergrund/afghanische-familien-lassen-sich-nicht-kaufen-94258496.html; Gesellschaft für Freiheitsrechte: https://www.instagram.com/freiheitsrechte/p/DXEdQIPDVBC/. (der Termin ist inzwischen verstrichen und leider nicht zu erfahren, was daraus geworden ist). Und selbst wenn Afghaninnen* versuchen, im Kleinen Widerstand zu leisten, wie durch Mädchenbildung oder lockerere Auslegung von Kleidervorschriften8Heela Najibullah: «Die Taliban verbannen uns Frauen Schritt für Schritt aus der afghanischen Gesellschaft»: Afghaninnen leisten Widerstand im Kleinen, Neue Zürcher Zeitung, 26.02.2025, https://www.nzz.ch/feuilleton/taliban-regime-afghanistan-verschaerfte-repression-gegen-frauen-ld.1872485; Rad Radan/Khadija Haidary: Afghan women crushed further by the Taliban’s intensified hijab crackdown, Zan Times, 10.03.2026, https://zantimes.com/2026/03/10/afghan-women-crushed-further-by-the-talibans-intensified-hijab-crackdown/., sind sie gesellschaftlich extrem ausgegrenzt, zum Schweigen gebracht und die in Pakistan Wartenden (Frauen* wie Männer*) zudem lebensgefährdet.
Im Dezember letzten Jahres schloss Bundesinnenminister Dobrindt trotzdem nicht mehr aus, Frauen* aus Deutschland nach Afghanistan abzuschieben.9Thomas Ruttig: Dobrindts Afghanistan-Abschiebeoffensive. Taliban? Normal, die tageszeitung, 04.12.2025, https://taz.de/Dobrindts-Afghanistan-Abschiebeoffensive/!6135297/. Vertreter der Taliban-Regierung hatten bereits Mitte des Jahres hierher einreisen können, um zukünftige Abschiebeflüge zu erleichtern. Den Taliban wurden die „Türen geöffnet, Gespräche und Verhandlungen geführt und Deals getätigt. … In der Konsequenz sitzen in den Botschaften und Konsulaten in Bonn, München und Berlin jetzt entsandte Vertreter der Taliban, die das vorige Personal ersetzt haben“, schrieb medica mondiale Anfang Februar in einer Pressemitteilung.10Pressemeldung: Afghanistan: Neues Strafgesetzbuch der Taliban schränkt Menschenrechte ein und legalisiert Gewalt gegen Frauen, medica mondiale, 06.02.2026, https://medicamondiale.org/aktuelles/afghanistan-neues-strafgesetzbuch-der-taliban-schraenkt-menschenrechte-ein-und-legalisiert-gewalt-gegen-frauen. Tatsächlich ist mittlerweile bekannt geworden, dass ein Taliban-Mitglied die Leitung der afghanischen Botschaft in Berlin übernommen hat – angeblich, ohne dass die Bundesregierung davon erfahren hat.11Peter Hornung: Taliban-Mitglied leitet afghanische Botschaft in Berlin, rbb24 Inforadio, 21.03.2026, https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2026/03/berlin-afghanische-botschaft-taliban-mitglied-leitung.html; Thomas Ruttig: Afghanische Vertretung in Deutschland: Priorität Abschiebeabkommen, die tageszeitung, 06.04.2025, https://taz.de/Afghanische-Vertretung-in-Deutschland/!6168685/. Was wollen sie uns jetzt erzählen, was sie geglaubt haben: Dass die Taliban-Vertreter tatenlos herumsitzen und Karten spielen (falls das erlaubt ist), bis sie für die Organisation der nächsten Abschiebungen von hier gebraucht werden?


