Gender-Gap und anderes in Covid-19-Zeiten

Momentan verdienen Frauen* hierzulande im Schnitt 20 Prozent weniger als Männer*. Daher war Dienstag dieser Woche Equal Pay Day, d. h. das Datum, das die geschlechtliche Entgeltdifferenz in Tage umgerechnet markiert.  Einer Untersuchung zufolge summiert sich der Unterschied über die gesamte Erwerbszeit hinweg allerdings auf einiges mehr, denn demnach erhalten Frauen* alles in allem nur ungefähr die Hälfte. „Kinderbetreuung und die Pflege Angehöriger spielen dabei eine wesentliche Rolle: Die Erziehung von Kindern führe immer zu einer Minderung des Lebenseinkommens – aber fast ausschließlich bei Müttern und ‚so gut wie gar nicht‘ bei Vätern, wie es in der Studie heißt“, meldet die Deutsche Welle.1Equal Pay Day: Für Frauen die Hälfte (rb/ml/as (dpa, epd, kna)), Deutsche Welle, 17.03.2010, https://www.dw.com/de/equal-pay-day-f%C3%BCr-frauen-die-h%C3%A4lfte/a-52802264. Aber auch kinderlose Frauen* ziehen nicht gleich: „Bundesweit nähmen hochqualifizierte Frauen, die bis 1974 geboren seien, durchschnittlich so viel ein wie geringqualifizierte Männer.“

Dieser Abstand wird durch die mit dem Coronavirus verbundenen Maßnahmen wohl zunehmen. Kinder, die zuhause sind, müssen betreut werden oder gesundheitsgefährdete Menschen versorgt werden.  Zwar sind die meisten der überlasteten Pflegekräfte (ebenso wie Angehörige weiterer „systemrelevanter“ Berufe, wie Verkäufer*innen bestimmter Geschäfte) weiblich – in Deutschland liegt der Anteil an Frauen* in Pflegeberufen bei fast 76 Prozent2Beatrice Frasl: Warum die Corona-Krise ein feministisches Thema ist, Edition F, 13.03.2020, https://editionf.com/warum-die-corona-krise-ein-feministisches-thema-ist/. –, die daher momentan mehr arbeiten. Dennoch bleibt die (zusätzliche unbezahlte) Reproduktionsarbeit, die für eine menschenwürdige Gesellschaft unentbehrlich ist, geschlechterungleich verteilt. Falls die arbeitenden Frauen* nicht bereits zuhause sind, der (unbezahlte) Urlaub für die Beaufsichtigung der Kinder nicht möglich ist, wird Haushalts- und Fürsorgearbeit eher an andere Frauen* ausgelagert, zurzeit an Nachbarinnen* oder Freundinnen* (sonst oft an Migrantinnen*).  Absurderweise dürfen Tagesmütter (gibt es eigentlich auch „Tagesväter“?), obwohl sie allgemein bloß einzelne Kinder oder sehr kleine Gruppen betreuen, hier zurzeit nicht arbeiten. Gleichzeitig werden Dortmunder*innen, die andere unterstützen möchten (im sozial-karitativen Bereich ist ehrenamtliche Arbeit übrigens häufig weiblich),  jetzt aufgefordert, sich bei der FreiwilligenAgentur Dortmund zu melden.

Kein Abstand in Massenunterkünften

Aber während wir vor sozialen Kontakten gewarnt werden und Abstand halten sollen, müssen geflüchtete Menschen weiterhin in „Heimen“ ohne Privatsphäre und Rückzugsmöglichkeiten auf engstem Raum zusammenleben. Die Organisation Women in Exile & Friends hat bereits am Montag in einer Pressemitteilung außer einer Schließung der Flüchtlingslager und der dezentralen Unterbringung der Bewohner*innen, einem gleichen Zugang zur gesetzlichen Krankenversicherung (der durch das Asylbewerberleistungsgesetz für Flüchtlinge eingeschränkt ist) auch ein bedingungsloses Grundeinkommen gefordert.3Women in Exile & Friends: Die Covid-19-Pandemie und Flüchtlingslager, 16.03.2020, https://www.women-in-exile.net/die-covid-19-pandemie-und-fluechtlingslager/. Das könnte allerdings – wenn es denn hoch genug wäre – momentan viele Probleme lösen. Zudem kritisieren sie die fehlende mehrsprachige Information. Aus dem in der Pressemitteilung genannten Lager in Suhl/Thüringen, in dem sich wegen eines Corona-Falles über 500 Bewohner*innen „in Quarantäne“ befinden, hat die Polizei mittlerweile Flüchtlinge, die sich dort der Isolierung widersetzt hatten, in eine ehemalige Jugendarrestanstalt gebracht. „Ein großes Problem ist, dass viele über das Coronavirus so gut wie gar nichts wissen“, erklärte dem MDR zufolge ebenfalls die Amtsärztin.4Fabian Hillebrand: Flüchtlinge: Abstand halten unmöglich. Coronafälle in Unterkünften, Quarantäne in Suhl, Neues Deutschland, 18.03.2020, https://www.neues-deutschland.de/artikel/1134469.corona-fluechtlinge-abstand-halten-unmoeglich.html; Bettina Ehrlich: Polizei holt Störer aus Flüchtlingsunterkunft, MDR, 17.03.2020, https://www.mdr.de/thueringen/sued-thueringen/suhl/polizei-holt-stoerer-aus-erstaufnahmestelle-fuer-fluechtlinge-in-suhl-100.html.

Auch die Selbstorganisation The VOICE Refugee Forum hat in einer dringenden Presseinformation aufgrund des Umgangs mit den Bewohner*innen in einem Flüchtlingslager in München „die unmittelbare und angemessene medizinische Behandlung aller … Betroffenen“ und „die menschliche Behandlung eines jeden Einzelnen“ eingefordert.5The VOICE Refugee Forum: Dringende Pressemitteilung: Coronavirus Flüchtlingslager Ankunftszentrum, Maria-Probst-Straße 14, 80939 München, 17.03.2020, http://thevoiceforum.org/node/4717. Mitteilungen ohnehin Diskriminierter (das betrifft z. B. ebenfalls einen vorgeschlagenen „Bevorratungszuschlag“ für Hartz-IV-Bezieher*innen oder die Situation obdachloser Menschen) scheinen die Presse jedoch gerade wenig zu interessieren.

Bedrohliche Ausgangssperre

Der Überwachungsstaat dagegen erstarkt: Bereitwillig wurden von der Deutschen Telekom Daten von 46 Millionen Handy-Kund*innen – ohne deren Zustimmung – dem Robert-Koch-Institut zur Verfügung gestellt, um die Mobilität der Betroffenen „nachzuvollziehen“.6Pamela Dörhöfer: Datenschutz: Zugriff auf Handy-Daten: Experten kritisieren Corona-Maßnahme, Frankfurter Rundschau, 20.02.2020, https://www.fr.de/politik/corona-pandemie-zugriff-handy-daten-experten-kritisieren-massnahme-zr-13606366.html. Das hiesige Polizeipräsidium drohte bereits vor dem nun in Dortmund angeordneten Versammlungsverbot von mehr als vier Personen, dass Verstöße gegen die „ausgesprochenen Vorschriften“ „eine Straftat darstellen können. Geld- und sogar Haftstrafen sind möglich.“7Stellungnahme des Dortmunder Polizeipräsidenten zu Corona-Partys: „Das Virus unterscheidet nicht zwischen den Menschen“, 18.03.2020, https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/4971/4551449. Schließungen und Ausgangsverbote können in einer patriarchalen Gesellschaft wie dieser allerdings zur Bedrohung werden: Sowohl die Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF) als auch der Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF) rechnen mit einer deutlichen Zunahme von Gewalt in Beziehungen bzw. Familien. „Es wird dramatisch“, sagt Sylvia Haller von der ZIF. „Der gewalttätige Partner verlässt die Wohnung nicht mehr, Anrufe bei Beratungsstellen sind kaum noch möglich“, beschreibt die taz die Situation.8Patricia Hecht: Frauenhäuser in der Corona-Krise:Es wird dramatisch“, die tageszeitung, 19.03.2020, https://taz.de/Frauenhaeuser-in-der-Corona-Krise/!5668969/. Auch Notrufe und Frauenhäuser benötigen daher (und übrigens schon länger) dringend zusätzliche Mittel und weitläufige Unterkunftsmöglichkeiten und gewaltbetroffene Frauen* gerade mehr Angebote und kein Ausgangsverbot!

 Deshalb: Der derzeitigen virologisch-autoritären Agenda, die sexistisch und rassistisch diskriminiert und auf „die Wirtschaft“ (sprich: „kein Unternehmen soll durch die Epidemie in Existenznot geraten“, meint das Bundesministerium für Finanzen) setzt, ist nicht zu vertrauen und ihr darf das menschliche Zusammenleben nicht überlassen werden. Seid also vorsichtig und bleibt gesund, aber auch lebendig, queer und solidarisch mit allen und stellt jetzt Forderungen, um das vielfach zurückgedrehte Rad wieder nach vorne zu drehen!

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