An der Grenze des Weißseins?

In einem Beitrag auf der Plattform LeftEast beschäftigt sich Olena Lyubchenko unter dem Titel An der Grenze des Weißseins? Enteignung, Krieg und soziale Reproduktion in der Ukraine mit der (zurzeit populären) Gleichsetzung von „Ukrainischsein“ mit „Europäischsein“ und „Weißsein“ (weiß im Sinne einer rassifizierten Positionierung in westlichen, rassistisch strukturierten Gesellschaften).

Obwohl die Autorin selbst von einer „kurzen Reflexion“ spricht, ist der Text ziemlich lang; die Übersetzung unten ist deshalb um einige Absätze gekürzt (insbesondere um den einleitenden Teil). Die englische Originalversion ist hier: On the Frontier of Whiteness? Expropriation, War, and Social Reproduction in Ukraine. Die Links aus dem Originaltext und die Fußnoten sind – bei den Fußnoten durch die Kürzungen mit anderer Nummerierung – in den übersetzten Text übernommen.

Da Olena Lyubchenko aus der Perspektive eines „Feminismus der sozialen Reproduktion“ schreibt, sind Frauen* hier die, die aufgrund einer naturalisierten geschlechtlichen Verantwortungszuschreibung Sorge- bzw. soziale Reproduktionsarbeit leisten (das können natürlich auch andere Geschlechter, keine Frage). Die Militarisierung und Kriegsanstrengungen „von oben durch den Staatsapparat“ kritisiert sie als in kapitalistisch-imperialistische Interessen eingebunden, die u. a. zu verstärkter Prekarisierung insbesondere der feminisierten Reproduktionsarbeit geführt haben. Positiv bezieht sie sich dagegen auf einen ukrainischen Widerstand gegen die russische Agression, den sie als Kampf um Selbstbestimmung der Bevölkerung in der Ukraine begreift.

Das nur kurz vorweg, weil nun ein bisschen fehlt. Die Übersetzung setzt unten mit aktuelleren Auswirkungen der Konstruktionen ‚weiß‘/‚nichtweiß’ ein – dem rassistischen Umgang mit Flüchtenden mit anderer als ukrainischer Staatsangehörigkeit.


Gute Europäer*innen

In den ersten Wochen nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine konnte die Welt die rassistische Gewalt an den Grenzen der Ukraine zu Polen, Rumänien und Ungarn mitverfolgen. Flüchtlinge aus Afrika, Südasien oder dem Nahen Osten sowie ukrainische Rom*nja und Tausende internationaler Student*innen, die in der Ukraine studierten und arbeiteten, wurden an der Grenzüberquerung gehindert. Manchmal wurden sie sogar von Ukrainer*innen, die Menschenketten bildeten, daran gehindert Züge zu besteigen, die Flüchtende in die EU brachten. Journalist*innen, die von der Grenze berichteten und blau-gelbe Anstecknadeln trugen, prangerten diese Diskriminierung kurz an und wechselten dann schnell zu Bildern ukrainischer Kinder, die von freundlichen deutschen Freiwilligen Spielzeug bekamen. „Gestrandete indische Studierende sahen zu, wie ukrainische Haustiere über die Grenze in Sicherheit gebracht wurden“, lautete eine Schlagzeile. In Nordamerika und Westeuropa servierten Restaurants ukrainische Gerichte und spendeten den Erlös für die Kriegsanstrengungen in der Ukraine, während Einkaufszentren in Blau und Gelb erleuchtet wurden. Auf der Website des Tech-Giganten Amazon gibt es jetzt eine Schaltfläche „Helfen Sie den Menschen in der Ukraine“. Einige der größten Wohnungsunternehmen in Kanada – die während der Pandemie Arbeiter*innenhaushalte räumen ließen und gleichzeitig die Miete für bereits unzureichenden Wohnraum erhöhten – haben ‚sich verbündet‘, um den nach Kanada fliehenden Ukrainer*innen kostenlose und subventionierte Wohnmöglichkeiten anzubieten. Die Medien und westliche Politiker*innen haben entschieden, dass Ukrainer*innen ‚gute‘, ‚europäische‘ Bürger*innen sind, die wertvoll sind, gebildet, IT-Fachkräfte. Rassismus wurde nicht als strukturelles Problem behandelt, sondern als schlechtes Benehmen.


Sind die Umstände, denen sich Menschen in Afghanistan, Syrien, Irak, Jemen, Gaza und Äthiopien gegenübersehen, nicht auch außergewöhnlich? Bis Ende 2021 hatte allein der Konflikt im Jemen 377.000 Tote gefordert, davon fast 70 Prozent Kinder unter fünf Jahren.1Taylor Hanna, David K. Bohl, Jonathan D. Moyer (2021): Assessing the Impact of War in Yemen: Pathways for Recovery. United Nations Development Programme, 3 – 67, 32, https://www.undp.org/publications/assessing-impact-war-yemen-pathways-recovery. An der polnischen Grenze gab es für diese Frauen* und Kinder kein kostenloses Spielzeug und keine Lebensmittel, sondern Tränengas, Wasserwerfer, Schlagstöcke, Polizeihunde und Stacheldraht.

Auf dem Weg nach Mariupol, August 2019 (Foto der Autorin des Oiginalbeitrags)


Die Ukraine hat 30 % der sowjetischen Militärbestände geerbt, ihre Militärausgaben in den letzten zehn Jahren vervierfacht und verfügte vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten über eine Truppenstärke von fast 500.000 Soldat*innen (250.000 reguläre Truppen und eine 250.000 Personen starke Nationalgarde, die neofaschistische Gruppen wie die Aidar- und Asow-Bataillone in ihren Reihen hat). Sie hat eine fortgeschrittene einheimische Rüstungsindustrie und in den letzten Monaten hoch entwickelte Panzerabwehrwaffen, Flugabwehrsysteme, Drohnentechnologie und schwere Waffen erhalten. Kurz gesagt, die Ukraine verfügt über eine stehende Berufsarmee, die wahrscheinlich imponierender als jede der Armeen der osteuropäischen NATO-Mitglieder ist (und in der Region nur hinter der Türkei und Russland liegt). …

Wenn es kein Brot gibt, sollen sie Waffen essen: Neoliberale Reformen und Militarisierung

Die Militarisierung der Ukraine seit 2014 ist mit neoliberalen Reformen verbunden gewesen, die eine Kapitalvermehrung auf Kosten der Reproduktion der Arbeiter*innenhaushalte ermöglichen sollten. „[A]ußerordentliche Anforderungen an die Zivilgesellschaft – und insbesondere an Haushalte und Frauen*, deren Ressourcen bereits überstrapaziert sind“ nennt Jennifer Mathers2Jennifer G. Mathers (2020): Women, war and austerity: IFIs and the construction of gendered economic insecurities in Ukraine. Review of International Political Economy 27(6): 1235-1256. das, wodurch der Staat seit Beginn des Krieges im Jahr 2014 erheblich niedrigere Kosten für die soziale Reproduktion durchgesetzt hat, die durch die Notwendigkeit der Kriegsanstrengungen und den Aufruf zu ‚Opfern‘ für ‚die Nation‘ gerechtfertigt und normalisiert worden sind. Die Ausgaben für die nationale Sicherheit, die sich im letzten Jahrzehnt vervierfacht haben, sind durch Sparhaushalte vergesellschaftet worden – wobei Frauen* die Kürzungen beim Soziallohn und im öffentlichen Sektor auffangen. Internationale Finanzinstitutionen wie der IWF haben außerdem, mit beträchtlichen Auswirkungen auf Frauen*, den Sozialausgaben strikte Grenzen gesetzt. Dazu haben die faktische Abschaffung der Kraftstoffsubventionen gehört, die zu höheren Preisen bei Gas, Heizung, Strom und Verkehr geführt hat, weitreichende Ausgabenkürzungen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Kinderbetreuung sowie eine umfassende Reform des Rentensystems. Die „Gesetze zur Dekommunisierung“3Europarat (2015): Joint Interim Opinion on the Law of Ukraine on the condemnation of the communist and national socialist (Nazi) regimes and prohibition of propaganda of their symbols, adopted by the Venice Commission at its 105th Plenary Session (Venice, 18-19 December 2015), https://www.venice.coe.int/webforms/documents/?pdf=CDL-AD(2015)041-e., mit denen ab 2015 kommunistische Parteien und Symbole verboten, Städte und Straßen aus der Sowjetzeit umbenannt und die Verfolgung linker Akademiker*innen und Aktivist*innen ermöglicht wurden (alles unter demselben pauschalen Etikett), beinhalteten wohl auch die ‚Dekommunisierung‘ der Sozialpolitik. Erneute Sozial- und Wirtschaftsreformen, die die wenigen Reste des Wohlfahrtsstaats betreffen, die nach den Schocktherapie-Reformen der 90er-Jahre geblieben waren, sind im Namen von Modernisierung und Europäisierung ausgeweitet worden. Im Widerspruch zur ukrainischen Verfassung, die erklärt, die Ukraine sei ein Wohlfahrtsstaat, berichtet Commons, die Reformen umfassten geringere Geldstrafen für Arbeitgeber*innen bei Nichteinhaltung arbeitsrechtlicher Vorschriften, die Deregulierung von Arbeitsschutzvorschriften, ein neu finanzialisiertes (d. h. auf Finanzlogiken, ‑märkte und -instrumente ausgerichtetes) Rentensystem, geringere Ausgaben für medizinische Versorgung und Bestrebungen, das Gesundheitswesen zu privatisieren. Im Vergleich zu 2013 hatte der Staat 2016 die Ausgaben für das Gesundheitswesen um 36,3 % gekürzt, für das Bildungswesen um 36,2 % und für den öffentlichen Dienst um 30,6 %.4Jennifer G. Mathers (2020): Women, war and austerity: IFIs and the construction of gendered economic insecurities in Ukraine. Review of International Political Economy 27(6): 1235 – 1256, 1239. Die vom IWF vorangetriebenen und vom ukrainischen Staat beschlossenen Wirtschaftsreformen haben die Zunahme von Ungleichheit beschleunigt, so dass sich im Jahr 2021 67 % der ukrainischen Haushalte als ‚arm‘ bezeichneten. Die Enteignung durch Austerität zusammen mit Militarisierung hat zu einer Feminisierung von prekärer Beschäftigung und Armut geführt.

Für die zwei Millionen Menschen, die vor dem aktuellen Angriff durch den Krieg im Donbass vertrieben wurden, ist die soziale Reproduktion in den letzten acht Jahren nahezu unmöglich geworden. Im November 2014 stellte der ukrainische Staat die Finanzierung staatlicher Dienstleistungen in den seperatistischen Gebieten der Region ein, einschließlich der der Renten. Dies ist ein besonders krasses Beispiel von Enteignung der in der Vergangenheit geleisteten Arbeit und derzeitigen Disponibilität von Arbeitnehmer*innen im Ruhestand im Land. Viele ukrainische Bürger*innen, die Anspruch auf eine Altersrente hatten und zufälligerweise auf der anderen Seite der Front lebten, mussten die Grenze zu den ukrainisch kontrollierten Gebieten überqueren, um ihre Rente zu erhalten. Im Jahr 2016 führte die ukrainische Regierung eine strenge Kontrollmaßnahme ein, nach der sich „Binnenvertriebene“ unter einer Adresse in den von der Regierung kontrollierten Gebieten anmelden und sich dann alle zwei Monate melden müssen, um ihren Rentenanspruch zu erhalten. … Die UN schätzen, dass seit der Einführung der 60-Tage-Regel im Jahr 2016 400.000 Menschen den Zugang zu ihren Renten verloren haben. …

Auch die Gewalt gegen Frauen* ist durch den Krieg gestiegen. Jennifer Mathers schreibt, dass „maskulinisierte Körper reisen, um als Soldaten an Kampfhandlungen teilzunehmen. Wenn sie in die Friedenswelt zurückkehren, um sich von den physischen und psychischen Verletzungen durch den Krieg zu erholen, werden sie aufgrund von Kürzungen im staatlichen Gesundheitswesen größtenteils von den Haushalten umsorgt.“5Jennifer G. Mathers (2020): Women, war and austerity: IFIs and the construction of gendered economic insecurities in Ukraine. Review of International Political Economy 27(6): 1235 – 1256, 1236. Im Jahr 2018 gab es in den von der Ukraine kontrollierten Teilen der Regionen Donezk und Luhansk einen Anstieg der erfassten Fälle häuslicher Gewalt um 76 % bzw. 158 % im Vergleich zum Durchschnitt der vorangegangenen drei Jahre. Angehörige des Militärs und der Polizei sind von verwaltungsrechtlichen Verfahren vor Gerichten der ordentlichen Gerichtsbarkeit ausgenommen, was sie wirkungsvoll vor jeder Strafverfolgung wegen häuslicher Gewalt schützt. [Anmerkung: Ein Strafverfahren kann in der Ukraine erst nach zwei Verwaltungsstrafen eingeleitet werden.]

Arbeitsmigration, soziale Reproduktion und ‚Grenz-Weißsein‘

Die industrialisierte Wirtschaft, die öffentliche Infrastruktur und die ausgebildeten Arbeitskräfte der postsowjetischen Ukraine durchliefen durch die neoliberalen Schocktherapie-Reformen eine Periode ursprünglicher Akkumulation und bildeten dann eine eigene Variante des kapitalistischen Staates aus, die einer neoliberalen Kleptokratie.6Volodymyr Ishchenko/Yulia Yurchenko (2019): Ukrainian Capitalism and Inter-Imperialist Rivalry. In: Immanuel Ness/Zak Cope (Hrsg.): The Palgrave Encyclopedia of Imperialism and Anti-Imperialism, Palgrave Maacmilan. Daher arbeiteten ukrainische Mütter und Großmütter, wie andere Osteuropäerinnen* in den 90er-Jahren, als Wanderhausarbeiterinnen*, ließen ihre Familien zurück und putzten die Häuser reicher Italiener*innen, Deutscher, Pol*innen, Amerikaner*innen und Kanadier*innen und übernahmen die soziale Reproduktionsarbeit, die vorher von westlichen ‚weißen Frauen*‘ getragen worden war.7Auch wenn ich mich hier auf die soziale Reproduktion konzentriere, ist dieser Sektor einer unter mehreren wie Tourismus, saisonale Landwirtschaft, Baugewerbe, in denen ukrainische Arbeitsmigrant*innen Beschäftigung finden – Arbeiten, die als dreckig, gefährlich und prekär beschrieben werden. Siehe auch Sara Farris (2018): Social reproduction and racialized surplus populations. In: Peter Osborne, Éric Alliez und Eric-John Russell (Hrsg.): Capitalism: Concept, Idea, Image – Aspects of Marx’s Capital Today. Kingston upon Thames: CRMEP Books, 121 – 134. Das tat auch meine Mutter. Seit 2014 ist eine deutlich höhere Zahl an Ukrainer*innen als billige Arbeitskräfte für die soziale Reproduktion mobilisiert worden, die einen Großteil ihres Einkommens zurücküberweisen, um Lücken in der staatlichen Versorgung im eigenen Land zu schließen und die Schäden durch Krieg und Militarisierung auszugleichen. Diese Arbeiter*innen sind an keiner Grenze der Europäischen Union mit heißer Suppe, Telefonen und EU-Subventionen begrüßt worden, während ihr Herkunftsland durch ‚europaorientierte‘ neoliberale Reformen ausgeplündert worden ist. …

Im Jahr 2020 wurde die Zahl der im Ausland lebenden ukrainischen Arbeitnehmer*innen auf 2,2 bis 2,7 Millionen geschätzt, was 13 % bis 16 % der Gesamtbeschäftigung im Land entsprach. Bis Ende Februar 2020 stieg die Zahl der Ukrainer*innen in Polen auf 1.390.978, wovon 44 % Frauen* waren, die meistens in größeren Städten im prekären Pflegesektor beschäftigt waren. Die Ukraine ist absolut gesehen das weltweit zehntgrößte Empfängerland von Rücküberweisungen, die 2020 9,8 % des BIP des Landes ausmachten.8Diese Zahl ist wahrscheinlich infolge der Covid-19-Pandemie zurückgegangen. Neueren Daten der Nationalbank zufolge überstiegen die Rücküberweisungen in die Ukraine im Jahr 2021 19 Mrd. USD. Im Jahr 2018 kamen 33 % der Rücküberweisungen aus Polen, 32 % aus anderen EU-Mitgliedstaaten, 9 % aus Russland und 9 % aus den Vereinigten Staaten und Kanada. Diese Rücküberweisungen trugen etwa 50 – 60 % zum Budget der Empfängerhaushalte bei … Weil in der Ukraine die Kosten der sozialen Reproduktion auf die Haushalte, die die ins Ausland entsendeten Arbeitskräfte stellen, abgewälzt worden sind, ist die in den EU-Ländern ankommende ukrainische Arbeitskraft „kostenfrei“ – das heißt, die bisherige Arbeit von Haushalten und Gemeinschaften in der Ukraine hat für sie „gezahlt“. Dagegen ist die fortlaufende Wiederherstellung durch ihren Lebensunterhalt billig, weil die Arbeitsmigrant*innen von staatlichen Leistungen und der ‚Sozialbürgerschaft‘ der EU insgesamt ausgeschlossen sind.

Die soziale Reproduktion von EU-Bürger*innen und ukrainischen Arbeitnehmer*innen ist geografisch bestimmt und, vor dem Hintergrund einer „Bedrohung“ durch flüchtende Schwarze und People of Color, in ko-konstitutive Dynamiken von Geschlecht, Rasse und Klasse verstrickt. … Eines der Paradoxa der mitteleuropäischen Antimigrationsrhetorik gegenüber dem Globalen Süden ist, dass die Region von der Migration aus dem Osten, unter anderem aus der Ukraine, stark profitiert hat.9Alexandra Levitas (2020): Care Work During Covid-19: Public Health Implications of Ukrainian Migration into Poland. CMR Spotlight. 19, 2 – 5. Obwohl polnische Frauen* als Hausarbeiterinnen* in westeuropäischen Ländern beschäftigt sind, „verhalten sich polnische Arbeitgeber*innen dennoch beim Kontakt zu ukrainischen Hausarbeiterinnen* oft wie selbsternannte paternalistische Vertreter*innen westlicher Werte und Lebensstile.“10Anna Safuta (2018): Eastern Europeans’ ‘peripheral whiteness’ in the context of domestic services provided by migrant women. Tijdschrift voor Genderstudies 21(3): 217 – 231, 225. Weißsein schafft hier also keine Dichotomie, sondern ein Gefälle.11Forscher*innen haben gezeigt, dass die Rassifizierung ukrainischer Arbeitsmigrant*innen in Ungarn durch das Prisma der bestehenden rassistischen Diskurse über die Rom*nja-Bevölkerung in Ungarn erfolgt: „Durch Ergänzung gegenwärtiger wirtschaftlicher und sozialer Prozesse mit besonderen Ersetzungs- und Umgestaltungsregeln wirkt die gesellschaftliche Haltung gegenüber dem*der Fremden aus „der Ukraine“ ähnlich wie die gegenüber einem*r „Zigeuner*in“. Dieser Prozess ist insofern bedeutsam, als die Anpassung der inhaltlichen Elemente ethnischer Kategorien die Artikulation sozialer Unterschiede „der Ukrainer*innen“ unterstützt und gleichzeitig das System struktureller Ungleichheiten in der lokalen Gesellschaft verstärkt, ein Prozess mit einem Ursprung in der Vergangenheit.“ Siehe Borbély Sándor: “The Ukrainian is a nefarious Gipsy” – micro-policy of the foreign immigration in the borderland settlement of Kispalád. Tér és Társadalom, 29, Nr. 3. DOI:10.17649/TET.29.3.2708, 4. Siehe auch: Tibor Meszmann und Olena Fedyuk (2019): Snakes or Ladders? Job Quality Assessment among Temp Workers from Ukraine in Hungarian Electronics, Central and Eastern European Migration Review 8(1), 75 – 93. Abstufungen eines „peripheren Weißseins“ oder der Nähe zu Europa bewegen sich von Brüssel nach Warschau, von Warschau nach Lwiw, von Lwiw nach Donezk. Die Rassifizierung osteuropäischer Frauen* im Pflege- und Hausarbeitssektor hat konkrete politisch-ökonomische Funktionsweisen. Diese sind eingebunden in die Kommodifizierung der Pflege im neoliberalen Westeuropa12Sara Farris (2017): In the Name of Women’s Rights: The Rise of Femonationalism. London: Duke University Press. und die kontinuierliche Feminisierung von Armut in Osteuropa, die in der Ukraine nach 2014 in ihrer eigenen Variante einer enteignenden militarisierten Austerität stattfindet.

Ebenso wie die Arbeitsmigration ist auch die Branche der assistierten Reproduktionstechnologien oder des „Repro-Tourismus“ in der Ukraine stark von transnationalen Netzwerken, Klasse und Rassifizierung abhängig – sie ist im durchaus wörtlichen Sinne auf die Reproduktion ‚weißer‘ europäischer Babys durch ‚ärmere weiße‘ reproduktive Arbeitskräfte ausgerichtet. Die Leihmutterschaftsindustrie in der Ukraine positioniert sich größtenteils über das ‚Weißsein‘ und ‚Europäischsein’ der Arbeiterinnen* gegenüber Leihmutterbranchen in Indien oder Thailand als konkurrenzfähiger. Während der ersten und zweiten Welle der COVID-19-Pandemie geriet die kommerzielle Leihmutteragentur BioTexCom in Kiew ins Rampenlicht, als hauptsächlich für Westeuropa bestimmte Babys, die von ukrainischen Leihmüttern geboren worden waren, wegen der Pandemie-Lockdowns ‚staatenlos“ in einem Hotel strandeten. Die schon einmal des Menschenhandels beschuldigte Branche, weil Ärzte Biomaterial aus unbekannten ukrainischen Quellen statt das der biologischen Eltern verwendeten, steht angesichts des russischen Einmarsches in der Ukraine erneut im Rampenlicht. Der ukrainische Staat erhebt keine offiziellen statistischen Daten über die Leihmutterschaft, aber mit schätzungsweise 2.000 bis 3.000 geborenen Leihmutterbabys pro Jahr ist das Land möglicherweise auf dem Gebiet kommerzieller Leihmutterschaft für ausländische Eltern führend. Während sich die Kosten für die zukünftigen Eltern auf zwischen 38.000 und 45.000 US-Dollar belaufen, erhalten Leihmütter nur monatlich 300 – 400 USD und weitere 15.000 USD am Ende der Schwangerschaft. Als die Invasion begann, erwarteten rund 800 Paare ein Kind von einer Leihmutter in der Ukraine. Infolge des Einmarsches sitzen Leihmütter, Krankenpfleger*innen und Kinder erneut fest. Die Leihmütter werden in eine Lage gebracht, in der sie die Betreuung über den geschlossenen Vertrag hinaus fortsetzen und auf Bezahlung warten müssen, bis die westlichen Adoptiveltern das Kind anmelden können, das staatenlos geboren wird, weder als ukrainische*r noch als EU-Bürger*in, und in der Ukraine unangemeldet bleibt. Einige ukrainische Leihmütter sind nicht fähig, vor dem Krieg nach Westeuropa zu flüchten, weil sie fürchten, „es kann verlangt werden, sich nach weniger liberalen Leihmutterschaftsgesetzen zum gesetzlichen Vormund der Kinder bestellen zu lassen“. Das EU-Grenzregime und die unterschiedliche und ungleiche Regulierung von Reproduktionsindustrie und -arbeit beiderseits der Ost-West-Teilung wälzen die mit der Leihmutterschaft verbundenen wirtschaftlichen Risiken (potenziell lebenslang) auf die Arbeitnehmerinnen* ab.

Die Leihmutterschaftsindustrie in der Ukraine ist ein Beispiel für ausgelagerte Reproduktion wohlhabenderer westlicher Länder, bei der die Reproduktionsarbeit nicht einmal eine Migration in die EU erforderlich macht, sondern vollständig in der Peripherie stattfindet. 2018 wurde berichtet, dass der Leihmuttermarkt in der Ukraine jährlich über 1,5 Mrd. USD hereinbringt. Während Leihschwangerschaft und Geburt nicht als Arbeitszeit auf die Rentenansprüche der Leihmutter angerechnet werden, bauen die Branche und ihre Kund*innen auf die „kostenlose“ bisherige soziale Reproduktion der Leihmutter in der Ukraine sowie auf die allgemeine Betreuungsinfrastruktur des Landes, die größtenteils aus der Sowjetzeit stammt. Die ukrainischen Leihmütter treten alle Rechte auf eine Kontrolle über ihre Schwangerschaft ab, mit dem Risiko, dass unerwünschte Kinder, insbesondere solche mit Behinderungen, von auftraggebenden Eltern zurückgelassen werden. Eizellspenderinnen und Leihmütter in der Ukraine „werden in den Diskursen von Fruchtbarkeitskliniken und Vermittlungsagenturen als Trägerinnen von Weißsein (sowohl in Bezug auf die Erzeugung weißer Kinder als auch auf die Zugehörigkeit zu einer ‚weißen Kultur‘), Weiblichkeit und Hypersexualität im Verhältnis zu den überwiegend europäischen Empfänger*innen konstruiert“.13Polina Vlasenko (Oktober 2015), in: (In)Fertile Citizens: Anthropological and Legal Challenges of Assisted Reproduction Technologies, Lab of Family and Kinship Studies, Department of Social Anthropology and History University of the Aegean, 197 – 217, 202, https://www.sah.aegean.gr/wp-content/uploads/2021/07/In-Fertile-Citizens.pdf. Auf der BioTexCom-Seite „About Us“ (Über uns) heißt es: „Willkommen bei der größten Spenderinnen-Datenbank des europäischen Typus. Der ukrainische Genpool wird als der beste für Unfruchtbarkeitsbehandlungen betrachtet“ – eine ausdrückliche Charakterisierung der ukrainischen Staatsangehörigkeit als europäisch und fruchtbarer, d. h. implizit wünschenswerter als eine Leihmutterschaft im Globalen Süden und außerdem eine Homogenisierung der Verschiedenheit der Ukrainerinnen*. Angelehnt an Hill Collins‘ Kritik von Staatsangehörigkeit und Nationalismus aus der Perspektive des Black Feminism stelle ich fest, dass BioTexCom durch den abgeschmackten Verkauf von ‚Weißsein‘ auf rassistische Weise eine ‚gute‘ Weiblichkeit von einer ‚schlechten‘ abgrenzt: weiße Frauen*, die die ‚richtige Art‘ von Kindern gebären, die wünschenswerten (in diesem Fall) zukünftigen europäischen Bürger*innen, im Gegensatz zu unerwünschten „Anderen“.14Patricia Hill Collins (2009): Black Feminist Thought: Knowledge, Consciousness, and the Politics of Empowerment (2. Ausg.). New York: Routledge. Die Beschreibung der Eizellspenderinnen in der Datenbank ist rassistisch klassifiziert nach „Schönheit, Intellekt, Gesundheit, Menschlichkeit“ – in dieser Rangfolge. …

… Die zunehmende Feminisierung von Armut und prekärer Arbeit in der Ukraine seit 2014 wird verschleiert, indem BioTexCom versichert, die meisten Spenderinnen stammten aus der „Mittelschicht“ und seien in erster Linie durch Wohltätigkeit motiviert und nicht durch Armut, wie es angeblich im Globalen Süden der Fall sei. Das ist von der Realität weit entfernt. Interviews mit Arbeiterinnen aus der Leihmutterbranche zeigen, dass manche, die in der Ukraine Leihmutterschaft betreiben, durch den Krieg in der Donbass-Region vertrieben wurden, während andere aus ukrainischen Kleinstädten Leihmütter werden, um ihr Einkommen für grundlegende Bedürfnisse aufzustocken. Offenbar wird ‚die Ukraine‘ in der Produktion von Weißsein eingesetzt, weil sie sich an dessen Grenze befindet, wo ihr im Wesentlichen die Funktion der Aufrechterhaltung einer Grenze um die Zivilisation für Europa und innerhalb Europas durch billige soziale Reproduktionsarbeit zugeschrieben wird.15Ich danke meinen Kolleg*innen und Freund*innen Lina Nasr El Hag Ali, Rhaysa Ruas, Brent Toye und Sophia Ilyniak für die Diskussionen über dieses Konzept.

Die Welt spornt die Ukraine an

Nochmals: Wenn wir in den Nachrichten hören, dass ‚die Ukraine einen europäischen Krieg kämpft‘ und ‚die Ukraine Europa verteidigt‘, mit Bildern fliehender ‚armer weißer‘ Frauen* mit Kindern illustriert, die den rassifizierten ‚Anderen‘ vorgezogen werden, wird in der allgemeinen Vorstellung ‚die Ukraine‘ ‚weiß‘ gemacht. Das heißt, „die Aufforderung durch Europäisierung ,nach Europa zurückzukehren’ wird durch die westlichen Zivilisationsmythen ermöglicht und bedingt und diese Europäisierung markiert (verkündet) und entmarkiert (naturalisiert) zugleich das rassifizierte Weißsein“.16Nadezhda Husakouskaya und Randi Gressgård (2020): Europeanization as Civilizational Transition from East to West: Racial Displacement and Sexual Modernity in Ukraine. Intersections: East European Journal of Society and Politics 6(3): 74 – 96, 76. Das Paradox dabei ist, dass Europas Existenz an sich nur infolge der Ausbeutung arbeitender Menschen weltweit über Ressourcenenteignung und gegenwärtig durch neoliberale Wirtschaftsreformen möglich gewesen ist und seine Reproduktion durch feminisierte Arbeit stattfindet. Dies schließt billige Arbeitskräfte aus der Ukraine ein, die im Vergleich zu Arbeitsmigrant*innen aus dem Globalen Süden relativ ‚privilegiert‘ sind (aber keineswegs so privilegiert wie westliche Mittelschichten). W. E. B. Du Bois’ Konzept des „psychologischen Lohns“ des Weißseins verdeutlicht die Beziehungen zwischen Rasse und Klasse im Werden des*der armen weißen Arbeiters*in: „Es muss bedacht werden, dass die weiße Gruppe der Arbeiter*innen, während sie einen niedrigen Lohn erhielt, teilweise durch einen öffentlichen und psychologischen Lohn entschädigt wurde. Sie genossen öffentliche Achtung und wurden mit Höflichkeit angeredet, weil sie weiß waren.“17WEB Du Bois (1935): Black Reconstruction in America, 1860-1880. New York: Harcourt, Brace and Company, 700. Der durch den ukrainischen Staat und den liberalen Eliten konstruierte und im Westen begrüßte ukrainische Nationalismus als Prozess der ‚Rückkehr nach Europa‘ ist mit den historisch ungleichen, vergeschlechtlichten und rassifizierten Verhältnissen des globalen Kapitalismus verwoben, wie die globale soziale Reproduktionsperspektive zeigt. Die bereits verarmte ukrainische Bevölkerung, für die im prekären öffentlichen Sektor und im Gesundheitswesen die Ressourcen fehlen, subventioniert mit der Arbeit der Haushalte die Kriegsanstrengungen – und vergesellschaftet hiermit die Kosten von Krieg und Verteidigung zu Lasten der Lebensgrundlagen der Menschen. Welchen Charakter hat die Selbstbestimmung der Ukraine, wen repräsentiert und schließt ‚die Ukraine‘ ein und worin besteht das politische Zukunftsprojekt? Angesichts der strukturellen Probleme durch Militarisierung, Nationalismus und Austerität in Hinblick auf die Nachkriegszeit wird sich der Widerstand gegen den russischen Imperialismus – mit Wurzeln im russischen Zarenreich und in der widersprüchlichen sowjetischen Nationalismuspolitik und Enteignung der Bäuer*innenschaft – in eine Entwicklung von Solidarität mit antiimperialistischen und antikapitalistischen Kämpfen und Bewegungen im Globalen Süden überführen lassen? Dies würde erfordern, die Ukraine als antirassistisches, pluralistisches, sozialistisches politisches Projekt von unten neu zu denken und, ganz zentral, den Eurozentrismus zu kritisieren.

Sieg für die arbeitenden Menschen in der Ukraine, Solidarität mit der russischen Antikriegsbewegung!

(30. April 2022)

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