„Diese Gleichgültigkeit ist unser Hauptproblem“

Jelena Osipova (Елена Осипова – der Name findet sich auch in den Transliterationen Yelena/Elena Ossipowa), 76 Jahre alt und Kunstpädagogin im Ruhestand im russischen Sankt Petersburg, protestiert mit ihren kreativen Plakaten weiterhin (nicht nur) gegen den Ukrainekrieg.
Ihr persönliches Engagement begann vor ungefähr 20 Jahren durch den Tschetschenienkrieg, die Geiselnahme im Dubrowka-Theater in Moskau 2002 sowie später die Geiselnahme von Beslan 2004, die beide mit hohen Opferzahlen endeten. Seit zwei Jahrzehnten macht sie damit ihre Überzeugungen öffentlich. Nachdem damals ein Betäubungsgas in das Moskauer Theater geleitet und der Saal gestürmt worden war, schrieb sie auf Plakatkarton „Herr Präsident, ändern Sie sofort den Kurs“ und stellte sich zum ersten Mal mit einem handgeschriebenen Poster auf einen öffentlichen Platz.
Auch nach dem Angriff auf Ukraine Ende Februar trug Jelena Osipova, wie oft in den vergangenen Jahren, ihre Protestplakate auf die Straße – wie sie erzählt, nun mit mehr Zuspruch als sonst – und wurde deswegen (erneut) mehrmals kurzzeitig in Gewahrsam genommen.

Im Interview mit der Online-Zeitung Meduza, einem in russischer und englischer Sprache erscheinenden Exil-Medium mit Sitz in Riga, Lettland, spricht sie über ihre Antikriegsaktivitäten und Opposition gegen die Putin-Regierung und erklärt, ihrer Ansicht nach habe es schon früher Proteste geben müssen. „Im Großen und Ganzen schlief das Land. Diese Gleichgültigkeit ist unser Hauptproblem. Wir sind zu spät. Wären die Menschen von Beginn an auf die Straße gegangen und hätten protestiert, wäre vielleicht alles anders ausgegangen.“ (Übersetzung auf der Grundlage der englischen Version; es ist auch eine russische Version vorhanden.) (Natürlich ist die russische Gesellschaft bei Trägheit oder Kurzatmigkeit von Protesten nicht allein, wenn wir uns beispielsweise die Situation der in Afghanistan Zurückgelassenen ansehen.)
Als Jelena Osipova am 9. Mai – der in Russland als Tag des Sieges über NS-Deutschland gefeiert wird – auf die Straße gehen wollte, wurden ihr die Antikriegsplakate, die sie mitnehmen wollte, (quasi präventiv) direkt vor der Haustür entrissen, wie ein mit ihr verabredeter Kameramann berichtete, der an einer Dokumentation über sie arbeitet.
Aber sie wird sich auch dadurch nicht von ihren Protesten abbringen lassen.

„mein Berg von Briefen wärmt mich“

Leider sind mittlerweile auch einige, die gegen den Krieg (der offiziell als „Sonderoperation“ bezeichnet werden soll) Stellung bezogen haben, von mehreren Jahren Haft bedroht.
Unter ihnen ist die Künstlerin Aleksandra (Sascha) Skochilenko, die Mitte April in Sankt Petersburg festgenommen wurde. Ihre künstlerische Aktivitäten sind vielfältig: Sie hat fotografiert, Lieder geschrieben und ist Cartoonistin, sie hat an einer Kinderfilmschule in den Karpaten unterrichtet oder ein Buch über Depressionen geschrieben (bzw. gezeichnet). Ihr wird vorgeworfen, in einem Supermarkt Preisschilder gegen Zettel mit Antikriegsinformationen und -parolen ausgetauscht zu haben. Deshalb ist sie nun wegen „Verbreitung vorsätzlich falscher Informationen über den Einsatz der russischen Streitkräfte“ mit dem zusätzlichen Vorwurf einer Motivation „aus religiösem, nationalem oder sonstigem Hass“ – was sich verschärfend auswirkt, so dass der Strafrahmen bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe reicht – angeklagt und befindet sich in Untersuchungshaft. Aufgrund einer Glutenintoleranz (Zöliakie) ist sie auf besondere Nahrungsmittel angewiesen, die sie momentan kaum erhält, wodurch sich ihr Gesundheitszustand verschlechtert.
Das Studierendenmagazin DOXA berichtet, sie habe mitgeteilt, dass sie sich krank fühle und die Haft manchmal fast unerträglich finde, „aber mein Berg von Briefen wärmt mich“. „Ihr seid alle sehr coole Leute, denn ihr könnt einfach zugreifen und Worte der Liebe und Unterstützung an eine Fremde schreiben.“ (Übersetzten Stellen sind maschinelle Übersetzungen aus dem Russischen, hauptsächlich mit www.DeepL.com/Translator.)
Es gibt einen Twitter-Account zu ihrer Unterstützung mit Nachrichten (in englischer Sprache) und eine Anleitung (in russischer Sprache, falls eine* sie kann), wie es möglich ist, ihr zu schreiben.

Eine längere Haftstrafe erwartet wohl auch die Journalistin Maria Ponomarenko aus Barnaul in der russischen Region Altai, die festgenommen wurde, weil sie in einem Social-Media-Post über Russlands Bombardierung des Schauspielhauses in der ukrainischen Stadt Mariupol, in dem Hunderte von Zivilist*innen Zuflucht gesucht hatten, geschrieben hatte.
Ebenfalls wegen Online-Beiträgen (d. h. anscheinend mehreren Videos zum Krieg) in Haft ist die 28-jährige Viktoria Petrova aus St. Petersburg, deren Kontaktadresse für Briefe in Untersuchungshaft (auf der Grundlage eines russischen Telegram-Post von femagainstwar) auf der Labournet-Website im Rahmen eines Dossiers über Kriegswiderstand in Russland veröffentlicht ist.
Und sie sind unerfreulicherweise nicht die einzigen.

dennoch Zeichen setzen

Der Feministische Widerstand gegen den Krieg (dessen Manifest teilweise in einem vorherigen Beitrag veröffentlicht ist) hat in Russland in den letzten Wochen einem eigenen Bericht zufolge unter anderem Flugblätter und Aufkleber erstellt, eine feministische Zeitung wurde ebenso wie ein Leitfaden zur Sicherheit bei Kundgebungen oder im Internet herausgegeben oder es wurde anwaltliche und psychologische Unterstützung für Aktivist*innen vermittelt. „Hunderte von Aktiven in ganz Russland verbreiteten Antikriegspropaganda, gingen in schwarzer Kleidung auf die Straße, beteiligten sich an Postwurfsendungen, errichteten Mahnmale usw.“ (zitiert aus einer Übersetzung des Berichts auf der Labournet-Website).
Teilweise fanden Aktionen zum Schutz der Beteiligten eher klandestin statt: Für April war beispielsweise zu einer Aufstellung von Kreuzen (oder anderen Symbolen) zum Gedenken an die Toten im ukrainischen Mariupol und anderen Städten aufgerufen worden. Auch wenn es wohl nicht die gewünschten 5000 Kreuze für Mariupol wurden, schrieb der Feministische Kriegswiderstand auf Twitter am 9. April von ungefähr 700 Mahnmalen in 45 Städten der Russischen Föderation.


Schon am 3. April hatte etwa eine Gruppe über die Aktivitäten in Wladiwostok berichtet: „Wladiwostok. Tag 2. // Heute haben wir etwa zehn Kreuze aufgestellt und sind in sechs Stunden um die halbe Stadt gelaufen. Ich hoffe, das wird einigen Leuten die Augen öffnen“ (maschinelle Übersetzung aus dem Russischen).


Die Proteste setzen sich also trotz harter Repressionen fort. Nicht zuletzt fanden am Tag des Sieges über Nazideutschland, dem 9. Mai, wieder Stör- und Protestaktionen statt, eine Medien-Website wurde von zwei Redakteur*innen in eine regierungskritische Seite umgewandelt und der Marsch des Unsterblichen Regiments (bei dem die Teilnehmer*innen Fotos von Familienangehörigen zeigen, die am II. Weltkrieg beteiligt waren) wurde genutzt, um Antikriegsplakate zu tragen. Allerdings gab es in letzter Zeit häufiger im Vorfeld solcher Termine vorübergehende Festnahmen wegen „Telefonterrorismus“, d. h. dem Vorwurf, durch telefonische Bombendrohungen zum Beispiel offizielle Feierlichkeiten behindern zu wollen. Die scheinbare Notwendigkeit solcher Maßnahmen zeigt aber ebenfalls, dass die Kriegszustimmung doch nicht so einheitlich ist.
Dabei konzentriert sich wohl einiges auf Sankt Petersburg – wie nun bei diesem Konzert, bei dem der gesamte Saal (verschiedenen Quellen zufolge) gemeinschaftlich „Scheiß Krieg“ skandiert.

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