(Nach)lesen: Care, Krise, Covid-19

Es ist auffällig, dass die meisten der gefundenen Texte bereits 2020 entstanden sind; eine Gewöhnung hat eingesetzt, die Pandemie-Situation ist in vielem gleich geblieben (obwohl kein Lockdown mehr besteht), z. B. der Druck auf Pflegepersonal, oder es ist zu mühsam, den sich ständig ändernden Maßnahmen feministisch-kritisch hinterherzuschreiben. Vielleicht ist auch die Hoffnung, dass sich gerade jetzt Verhältnisse verbessern lassen, weil die oft unsichtbare Care-Arbeit sichtbarer geworden (und zeitweilig als systemrelevant bezeichnet worden) ist, inzwischen ganz, ganz klein geworden.
Das (damals) Geschriebene behandelt unter anderem die intensivierte Gewalt gegen Frauen*/LGBTI*+, (retraditionalisierte) Geschlechterrollen in der Reproduktionsarbeit, Care-Berufe, Ausgrenzungen aus einer vorgeblichen gesellschaftlichen Solidarität, etwa von Geflüchteten, und manchmal allgemein, prekäre Arbeitsverhältnisse.

+++ Hier sind nun einige Beispiele: Mehrere sehr kurze Texte gibt es auf dem Covid 19 – Center Blog des Cornelia Goethe Centrums, in denen es auch um 24-Stunden-Pflegekräfte in Haushalten geht (ein selteneres Thema), das L.MAG setzt sich mit negativen Auswirkungen auf die LGBTI*-Community auseinander, das feministische Streikkollektiv Zürich sucht eine feministische Antwort auf Corona und die Kapitalismuskrise (ebenfalls auf Englisch und Spanisch), ein langes Papier von e*vibes (Dresden) befasst sich ausführlicher mit einzelnen Backlash-Aspekten.

Banner: Ohne Care-Arbeit steht alles still
(Foto: feministisches Streikkollektiv Zürich)

Ebenfalls anderswo und in globalerem Maßstab verstärken die Pandemie-Auswirkungen (die sexismus-, neokolonialismus-, rassismus-, kapitalismusgemacht etc. sind; momentan verstärkt sich auch der Eindruck, das muss extra gesagt werden) rapide die Ungleichheiten innerhalb eines umfassenden Gefälles. Ausschlüsse aus Gesundheits- und anderen (über-)lebensnotwendigen Leistungen, zu denen hier doch viele (aber nicht alle) Zugang haben, rücken ins Licht.

+++ Das Coronavirus trifft auf vielfältige Diskriminierungen: Papierlose Migrantinnen* berichten auf der Website von respect Berlin, die zusammen mit anderen Organisationen durch eine Legalisierungskampagne die Situation Illegalisierter zu verbessern versuchten – leider ohne viel Beachtung zu finden. Eine längere reading list aus Schwarzer feministischer Perspektive haben Black Women Radicals zusammengestellt und auch auf dem Newsportal the grio sind eine Reihe von Links zur Situation Schwarzer Frauen* veröffentlicht (Linkziele jeweils auf Englisch). In den Lateinamerika Nachrichten geht es um das enorme Ausmaß patriarchaler Gewalt unter Quarantänebedingungen, um Care-Arbeiten oder die prekäre Situation indigener Frauen* in Mexiko (auch auf Spanisch nachlesbar). Ebenso von Gewalt, aber auch von informeller Arbeit, die das Überleben sichert und daher einen Lockdown zur Katastrophe macht, handelt ein Beitrag über Nigeria auf dem Blog African Feminism (auf Englisch – dort gibt es noch weitere Artikel aus afrikanischen Ländern). Und Feminism in India berichtet z. B. allgemein über eine zunehmende Kluft (Wanderarbeiter*innen-Familien mussten nach Hause zurückkehren und eine Anzahl starb unterwegs), die ohnehin problematische ländliche Gesundheitsversorgung oder über Straßenhändlerinnen* (auf Englisch).

Aber was ist das Fazit der Kritik? Hauptsächlich beschreiben die Texte akute Zustände, sie erzählen von wachsenden patriarchalen Gewaltverhältnissen, geschlechtshierarchischen und migrantisierten/ethnisierten (auch globalen) Arbeitsteilungen und sozialen Verhältnissen. Es wird ein Backlash diagnostiziert, gegen den ein solidarisches Verhalten und/oder Zusammenschluss eingefordert wird (in Lateinamerika gingen trotz der schwierigen Verhältnisse am 8. März 2021 – dem internationalen Frauen*tag – Hunderttausende auf die Straße, z. B. in Chile (auf Spanisch), unter anderem gibt es mittlerweile eine übergreifende feministische Initiative zur Aufhebung von Impfstoff-Patenten).
Häufig behandeln die Texte (wenn auch nicht ausdrücklich so formuliert) das Verhältnis zwischen produktiver und reproduktiver (d. h. als eigentlich „unproduktiv“ eingestufter) Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen. Es geht also um Tätigkeiten, die unbezahlt in Haushalten oder bezahlt in der Pflege, Kinderbetreuung etc. stattfinden und die als unumgänglicher, arbeitsintensiver Bereich in der Vergangenheit häufig „naturalisiert“ wurden. Diesen Vorstellungen von „natürlicher“ weiblicher Arbeit entgegengesetzte feministische Forderungen haben indessen nicht grundsätzlich zu einer gesellschaftlichen Andersverteilung oder -bewertung geführt. Möglichst gering gehaltene Reproduktionskosten werden in Situationen wie dieser aber zum Problem – anderswo noch mehr als hier.
Teilweise ist hier mittlerweile die Arbeit in Privathaushalten, jedoch auch allgemein in der Pflege entlang Klasse oder „Migrantisierung“ neu organisiert worden. Sofern Care-Arbeiten (schlecht-)bezahlte Tätigkeiten (geworden) sind, die profitabel sein sollen – etwa über den Betrieb eines Krankenhauses oder Pflegeheimes –, bieten sie sonst geringe Möglichkeiten zu Kostensenkungen oder (weiteren) Rationalisierungen. Überhaupt werfen sie z. B. im Gesundheitswesen Profite erst in Verbindung mit Fallpauschalen, abrechenbaren Leistungen und knappen Ressourcen ab, die möglichst Vollauslastungen erlauben. So ist die Pandemie-Situation letztlich eher zu einem „Labor“ geworden, in dem sich Belastungen noch vorantreiben und bereits erkämpfte Mindeststandards (wie in der Pflegepersonaluntergrenzen-Verordnung festgeschrieben) zwischenzeitlich aufheben lassen. Neu ist die Überlastungslage nicht und der Abbau (etwa der Intensivbetten) ist ebenfalls nicht unterbrochen worden.

Frauenkampf = Klassenkampf
Die Gleichung geht meistens nicht so einfach auf, aber manchmal passt sie.

Entgegen diesen deutlichen Verhältnissen haben Ansichten, die sich mit der Formel ‚mehr Maßnahmen = Verbesserung‘ zufriedengeben, nun leider oft die Kritik verdrängt (natürlich sind manche Regelungen sinnvoll, aber nicht grundsätzlich alle). Auf der anderen Seite erleben mit Corona-Maßnahmen-Protesten Gruppen/Organisationen mit heteronormativen, antifeministischen Ansichten einen Aufschwung – so dass der feministische Slogan „my body, my choice“ in Zusammenhängen aufgegriffen wird, die eine Selbstbestimmung bei Abtreibungen, geschlechtlicher Identität etc. ablehnen. In dieser Gemengelage werden Ungeimpfte, auch von staatlicher Seite, gerne als billige Sündenböcke vorgeführt, obwohl sie (selbstverständlich) nicht für die hiesigen und globalen Verhältnisse verantwortlich sind. Was ist also zu tun? Es müssten mehr soziale, feministische oder antirassistische Forderungen gestellt werden, jetzt (aber das stand bereits in vorhergegangenen Beiträgen), und kritische Positionen entwickelt werden, auch um rechten Protesten etwas entgegenzusetzen.
Ob eine grundlegende Neubewertung von Reproduktionsarbeit unter kapitalistischen Bedingungen und unter Bedingungen einer geschlechtlichen Grundstruktur der Gesellschaft möglich sein kann, bleibt allerdings die Frage. Eher nicht – und dann klappt es wohl am Ende bloß mit gesamtgesellschaftlicher Veränderung.

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