die halbe Wahrheit

Wenn es darum geht, wie viel für die Gleichstellung der Geschlechter in den vergangenen Jahren erreicht wurde, hört man immer wieder dasselbe Beispiel: Es sei ja noch bis 1977 der Frau verwehrt gewesen, ein Konto zu eröffnen oder zu arbeiten, wenn der Ehemann nicht sein Einverständnis gab. Das ist in Bezug auf die alte Bundesrepublik zwar richtig, für Gesamtdeutschland aber eben nur die halbe Wahrheit.1Annett Gröschner: Die systematische Diskriminierung im Osten, Zeit Online, 19.10.2015, https://www.zeit.de/kultur/2015-10/ddr-frauen-renten-altersarmut-uno-10nach8/komplettansicht.

Im vergangenen Jahr war Mauerfall-Jubiläum – die Grenzöffnung zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik liegt nun 30 Jahre zurück. Auch in diesem Jahr sind spätestens um den 3. Oktober zahlreiche Feierlichkeiten und Feiertagsreden zu erwarten (um eine „nationale Identität“skonstruktion zu verhandeln, in der verstärkt als von der „Norm“alität abweichend etikettierte Menschen abgewertet, ausgeschlossen, angegriffen werden), weil im Jahr 1990 dann die DDR der BRD beitrat. Die (Mainstream-)Erinnerung als Wiedergabe der vergangenen Wirklichkeit ist häufig auf Proteste für Meinungsfreiheit oder für freie Wahlen, die Ausreisebewegung, zB. über Ungarn, die Maueröffnung und die Vereinigung beschränkt; viele weitergehende Auseinandersetzungen und Forderungen, insbesondere der ostdeutschen Frauen*, die Umbruchshoffnungen auf einen „dritten Weg“, spielen darin kaum eine Rolle.

Tatsächlich kamen schon bald nach der Grenzöffnung, am 03. Dezember 1989, etwa 1.200 Frauen* in der Volksbühne Berlin zusammen, um dann auf diesem Treffen den Unabhängigen Frauenverband als eine politische Vereinigung zu gründen. die unter anderem am Zentralen Runden Tisch teilnehmen sollte. Die Initiatorinnen* der Versammlung befürchteten ihrem Aufruf zufolge „eine weitere Verschlechterung der sozialen Lage von Frauen“ und  „die erneute Ausgrenzung von Frauen bei wichtigen politischen und ökonomischen Entscheidungen“.2Unter anderem nach: Aufruf des Initiativkomitees zur Gründung eines autonomen Frauenverbandes der DDR (26.11.1989), https://lilaoffensive.de/texte/aufruf_261189.html; Unabhängiger Frauenverband, https://www.ddr89.de/ufv/UFV.html.  An der Außenfassade des Theaters hing an dem Tag ein riesiges Transparent: Wer sich nicht wehrt, kommt an den Herd

Wibke Charlotte Gneuß, die in der 2018 in Leipzig gegründeten Initiative Aufbruch Ost aktiv ist – die solche widerständigen Erfahrungen aufgreifen will – , meint im Gespräch mit analyse & kritik über den Blick in die Vergangenheit auf verlorene feministische Kämpfe: „Wenn man sich das Manifest des Unabhängigen Frauenverbandes der ostdeutschen Frauenbewegung vom Dezember 1989 anschaut, wird deutlich, dass Frauenemanzipation damals schon als gesamtgesellschaftliches Projekt verstanden wurde. Dass das aber genauso vergessen wird wie beispielsweise die Frauenforschung in der DDR, steht paradigmatisch für die zeitgenössische Erinnerungskultur. Denn unser Erinnern an die DDR und insbesondere die deutsche Medienlandschaft sind strukturell von einer westdeutschen Perspektive geprägt, die sich schwer tut, ostdeutsche Emanzipationsmomente anzuerkennen.“3Das spricht zwar nicht für die Liebe, aber für Selbstbestimmung“. Wibke Charlotte Gneuß im Gespräch. Interview von Nelli Tügel, analyse & kritik (Nr. 652), 16.09.2019.

Viele der 1989 an dem Treffen in der Volksbühne beteiligten Frauen* kamen aus Gruppen, die in den 70er und besonders den 80er Jahren in der DDR entstanden waren und sich vernetzt hatten, aus der Lesbenbewegung, die sich in Wohnungen, Kneipen und in kirchlichen Räumen traf, den Gruppen Frauen für den Frieden, die sich im Rahmen einer weltweiten Friedensbewegung und aus Ablehnung einer Wehrgesetz-Änderung, nach der Frauen bei einer Mobilmachung zum Militärdienst eingezogen werden konnten, gegründet hatten, oder verschiedenen Frauen*gruppen, die sich unter anderem für Umweltschutz, mehr Demokratie oder alleinstehende Berufstätige einsetzten. Eine Überwachung dieser Zusammenschlüsse oder Repression gegen sie zB. bei zu viel unerwünschter Öffentlichkeit war nicht selten. Zwei der Friedensfrauen wurden 1983 inhaftiert. Frauen* der Ostberliner Gruppe Lesben in der Kirche wurden 1985 festgenommen und verhört, weil sie im ehemaligen KZ Ravensbrück der lesbischen Opfer des Faschismus gedenken wollten.4Unter anderem: Paula Klein: Während wir auch die patriarchale Gesellschaft angriffen, analyse & kritik (Nr. 654), 12.11.2019, https://www.akweb.de/ak_s/ak654/11.htm; Maria Bühner (2018): In Bewegung: Netzwerke der Lesbengruppen in der DDR in den 1980er-Jahren, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv, https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/bewegung-netzwerke-der-lesbengruppen-der-ddr-den-1980er-jahren. 

Auch in der DDR war die heterosexuelle Kleinfamilie die Norm und Reproduktionsarbeit weiterhin qua Geschlecht zugewiesen; sie blieb trotz der (anders als in der BRD) weiblichen Berufstätigkeit als Normalfall5Dazu zB. Anna Kaminsky: Frauen aus der DDR wurden nach dem Mauerfall als Rabenmütter beschimpft, weil sie Beruf und Kinder unter einen Hut bringen wollten. Heute gehört dies zum modernen Gesellschaftsbild, Neue Zürcher Zeitung, 17.10.2019, https://www.nzz.ch/feuilleton/30-jahre-mauerfall-was-gleichberechtigung-ausmacht-ld.1515310. sowohl unbezahlt als auch in schlechter bezahlten „Frauen“berufen eine überwiegend weibliche Tätigkeit. Ebenfalls befanden sich nur selten Frauen* in leitenden Positionen, auch wenn sie juristisch schon früh etwa im Ehe- und Familienrecht besser als in der Bundesrepublik gestellt waren. Annett Gröschner schreibt über die hier anfangs erwähnte „Arbeitserlaubnis“ durch den Ehemann in der BRD bis 1977: „Zur selben Zeit war es in der DDR ein anerkannter Scheidungsgrund, wenn die Ehemänner die berufliche Qualifizierung ihrer Frauen nicht unterstützten.“6Annett Gröschner: Die systematische Diskriminierung im Osten, Zeit Online, 19.10.2015, https://www.zeit.de/kultur/2015-10/ddr-frauen-renten-altersarmut-uno-10nach8/komplettansicht.

Allerdings schließen weder hier zitierte Artikel noch andere oder Veranstaltungen, in denen nun zum 30. Mauerfall-Jubiläum, häufig für ein bestimmtes Zielpublikum, über die Situation von DDR-Frauen oder DDR-Feminismus geschrieben und diskutiert wird, die Erfahrungen migrierter und/oder nicht-weißer Frauen* ein. Diese wurden bereits zu Zeiten der DDR vielfach gewollt außen vor gelassen. So berichtete Mai-Phuong Kollath, die als Vertragsarbeiterin aus Vietnam nach Ostdeutschland kam: „Wir sollten nicht zu gut Deutsch lernen und sowieso keinen Kontakt zu den Deutschen haben. So kam es, dass wir letztendlich zwar mittendrin in dieser Gesellschaft lebten, aber überhaupt nicht so richtig.  Wir konnten nicht öffentlich sprechen. … Auch weil wir sehr, sehr abgeschottet untergebracht wurden, war das Wohnheim zum einen ein Netzwerk, ein Schutzraum für uns, aber gleichzeitig auch Projektions- und Angriffsfläche für die unterdrückte Wut der DDR-Bürger*innen in der Zeit vor der Wende.“7International Women* Space (Hg.): „Als ich nach Deutschland kam“. Münster 2019, S. 30. „Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind auch ostdeutsches Eigengewächs, und im Treibhaus hinter der Mauer konnte es gut gedeihen. Das wissen mit mir alle aus dem Osten, die anders aussahen als weiß“, schreibt ebenfalls Angelika Nguyen, die als Kind einer Deutschen und eines Vietnamesen in der Deutschen Demokratischen Republik aufwuchs.8Angelika Nguyen: Doppelt heimatlos?, Zeit Online, 04.06.2018, https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-05/ostdeutschland-heimat-ddr-filme-das-schweigende-klassenzimmer/komplettansicht.

Ein Aufbruch endet

Es ist bekannt, dass es danach, Anfang der 90er Jahre, gesamtdeutsch erst recht grauenhaft wurde und unter anderem in Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen (Mai-Phuong Kollath hatte dort anfangs im Sonnenblumenhaus gewohnt) rassistische Pogrome stattfanden und in Mölln und Solingen Menschen von Neonazis ermordet wurden.

Trotz verschiedener Initiativen, wie Protesten gegen die Einführung des bundesdeutschen § 218 und für den Erhalt legaler Schwangerschaftsabbrüche, die Beteiligung am Zentralen Runden Tisch und den Wahlen durch den Unabhängigen Frauenverband, wurde vieles, was in der Deutschen Demokratischen Republik für Frauen* galt, im Einigungsvertrag letztlich nicht berücksichtigt. Weder die Fristenlösung noch der Anspruch auf einen Krippen- oder Kindergartenplatz blieben erhalten.
Durch die Übernahme des bundesdeutschen Rentensystems verloren in der DDR geschiedene Frauen, die zwar vollzeiterwerbstätig gewesen waren, aber zeitweilig in Kindererziehungszeiten nur einen symbolischen Rentenbeitrag zahlen mussten, beträchtliche Rentenansprüche. „Das Problem war den Architekten des Einigungsvertrages bekannt, es ist ihnen nicht aus Versehen passiert”, meint Annett Gröschner. „ … Man kann nur mutmaßen, ob für sie die gerechte Überleitung der Rentenansprüche dieser Frauen die Anerkennung eines Modells bedeutet hätte, das sie aufgrund ihres alten Rollenverständnisses ablehnten.“9Annett Gröschner: Die systematische Diskriminierung im Osten, Zeit Online, 19.10.2015, https://www.zeit.de/kultur/2015-10/ddr-frauen-renten-altersarmut-uno-10nach8/komplettansicht.
Dennoch können die Erinnerungen an diese feministischen (wenn auch mehrheitlich erfolglosen) Kämpfe oder das unverzichtbare Gedenken an die rassistischen Gewalttaten danach durch die darin transportierten Auseinandersetzungen Puzzlestücke dazu sein, die zurzeit dominierenden nationalistischen und rechten (Abwehr-)Narrative zu kontrastieren.
Der Unabhängige Frauenverband beschloss übrigens im Herbst 1991, als eingetragener Verein weiterzuarbeiten, und löste sich 1998 endgültig auf, auch wenn noch einzelne Gruppen unter diesem Namen existieren.

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