Mehr als produktive Lohnarbeit und Freizeit: eine feministische Kritik der #ZeroCovid-Initiative

Die Sehnsucht danach, dass der Spuk bald vorbei ist und alles wie früher, muss groß sein, auch wenn schon zu Beginn der Ausbreitung von SARS-CoV-2 öfter festgestellt worden ist, dass solche Virenausbrüche Ergebnisse menschlicher Eingriffe in Ökosysteme sind und diese Pandemie nicht die letzte sein wird. Die Kampagne #ZeroCovid, als Initiative von emanzipativer, fortschrittlicher, linker Seite gedacht, verspricht nun eine Lösung und hat damit in kurzer Zeit ein üppiges Echo und hohe Unterstützungszahlen im Netz erreicht. Wichtige und richtige Kritiken an dem #ZeroCovid-Aufruf als Appell an den Staat (bzw. die europäischen Staaten) und an dessen autoritaristischen Tendenzen – wegen der für einen europaweiten harten Shutdown notwendigen (polizeilichen oder sonstwie kontrollbehördlichen) Überwachung und Repression –  sind veröffentlicht worden. Auf die Illusion eines Ziels von „null Infektionen“ ist hingewiesen worden. Längere und kurze Beiträge1Unter anderem: Alex Demirović: Warum die Forderung nach einem harten Shutdown falsch ist, analyse & kritik, 18.01.2021, https://www.akweb.de/bewegung/zerocovid-warum-die-forderung-nach-einem-harten-shutdown-falsch-ist/; Thomas Gerlach: Vorschläge der Initiative „Zero Covid“: Halbtotalitäre Fantasie, die tageszeitung, 14.01.2021, https://taz.de/Vorschlaege-der-Initiative-Zero-Covid/!5739231/; anonym: Contra #Zero Covid, indymedia, 17.01.2021, https://de.indymedia.org/node/133590; ak unknown desires: One solution! Zero Covid?, indymedia, 20.01.2021,https://de.indymedia.org/node/134861. sind dazu verfasst worden, in verständnisvollem und in sehr scharfem Ton.

Deshalb soll es hier um andere Aspekte gehen.

„Maßnahmen können nicht erfolgreich sein, wenn sie nur auf die Freizeit konzentriert sind, aber die Arbeitszeit ausnehmen“, heißt es einfach und griffig in dem Aufruf. Auch die Zeitung analyse & kritik titelt in ihrer neusten Ausgabe „Das Freizeitvirus“2Nelli Tügel: Das Freizeitvirus, analyse & kritik Nr. 667, 19.01.2021. und die Autorin beanstandet, „das Privatleben“ werde Stück um Stück eingeschränkt, während „Menschen nach wie vor in Fabrik und Büro gehen“. Natürlich ist es unsinnig, Wirtschaftsbereiche per se vom Lockdown auszunehmen.
Bloß ist „das Private“ längst politisch und gerade dort wird (unentgeltlich und isoliert) zurzeit Mehrarbeit geleistet. Schulen, Kitas, andere Tages- und Betreuungseinrichtungen sind geschlossen und auch bezahlte Arbeit ist teilweise in die Wohnung verlagert. Also: Mehr Dreck wegmachen, die familiäre Versorgung organisieren, die Kinder beschäftigen, als Heimlehrkräfte arbeiten, alte Menschen betreuen, nebenbei lohnarbeiten … und das Ganze klassenabhängig in weniger oder mehr beengten Räumen, d. h. eventuell in einem Dampfkessel, in dem die Familie (oder auch die Partnerschaft) alles richten soll3Ganz im Sinn dieser Familienorientierung betrafen die Weihnachts-Corona-Sonderregeln nur zusätzliche Personen „aus dem engsten Familienkreis“, ohne dass viele Proteste dagegen zu hören oder zu lesen waren. Menschen, die hier keine Angehörigen haben, aus persönlichen Gründen die Kontakte zum „Familienkreis“ abgebrochen haben oder sich einfach lieber mit Freund*innen treffen wollten, wurden also von der Vergünstigung eines erweiterten Personenkreises ausgeschlossen. (falls die Person nicht alleinerziehend oder auch alleinpflegend ist). Bereits während des ersten Lockdowns im letzten Frühjahr wurde eine Retraditionalisierung geschlechtlicher Rollenzuweisungen und Arbeitsteilung festgestellt.
Ebenso ist die Trennung in Arbeit und Freizeit – als lockeres Einmal-etwas-anderes-Tun – zu einfach; Gesellschaften sind Strukturen und bestehen nicht aus monolithischen Blöcken. Die nicht mehr erlaubte Freizeit (das Essengehen, die Urlaubswoche, auch im Billighotel, der Sportverein der Kinder) entspricht häufig einer nicht selbst zu leistenden reproduktiven Arbeit, die jetzt „im Privaten“ zu ersetzen ist.

Soll das alles nun wieder altruistische Tätigkeit aus Liebe sein? Nachdem der #ZeroCovid-Aufruf diese Tätigkeiten zunächst überhaupt nicht als Arbeit betrachtet, wird weiter unten angemerkt, dass Menschen, die im Shutdown „besonders viel“ Betreuungsarbeit leisten, „durch gemeinschaftliche Einrichtungen entlastet werden“ sollen. Es wird also ein teilweises Durchbrechen des Shutdowns zugestanden. Und wer entscheidet dann, wie viel für dieses Zugeständnis im Einzelnen zu leisten ist (wie viele Kinder in welchem Alter sind erforderlich)?
Insgesamt handelt es sich in dem Aufruf um ein abwegiges Verständnis von Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen. Das kapitalistische Arbeitsverhältnis schließt (zumindest in den Metropolen) die seit dem 19. Jahrhundert im Familienmodell ausdrücklich weiblich konnotierten (hausfrauisierten) reproduktiven Tätigkeiten ein; in einer Bezugnahme auf ‚Arbeit“ können sie nicht einfach übergangen werden. Der Aufruf schreibt aber die weiterhin häufige Nicht(an)erkennung oder Entwertung von Reproduktionsarbeit fort (die sich in vergangenen Jahren teils (zusätzlich) mit einer Herkunftszuschreibung (sprich: wer putzt für wen?) verbunden hat).

Hier folgt nun doch eine kurze Bemerkung über das „Wir“ in Europa und über im #ZeroCovid-Aufruf vernachlässigte Widersprüche und Ungleichheiten. Denn natürlich ist ein Leben im kaputtgesparten Griechenland anders als hier und schon längst haben in bestimmten europäischen Ländern weggefallene informelle Tätigkeiten oder Gelder aus der (Pendel-)Migration, unter anderem hierher, die Verarmung vorangetrieben.
Aber nicht nur insofern sind „wir“ Europäer_innen weit entfernt davon, in einem Boot zu sitzen. Wenig überraschend kommentierte die Neue Zürcher Zeitung erst vor einigen Tagen: „Studien in den USA und Grossbritannien haben bereits früh nachgewiesen, dass gewisse Bevölkerungsgruppen – etwa Geringverdienende, Schwarze und Latinos – ein deutlich höheres Corona-Ansteckungs-Risiko ausweisen als die weisse Mehrheit. … In der Schweiz ist das nicht anders. Gemäss einer jüngst veröffentlichten Studie aus Genf sind die Infektionsraten in ärmeren Quartieren der Stadt deutlich höher… .“4Fabian Urech: Corona, der grosse Ungleichmacher, Neue Zürcher Zeitung, 23.02.2021.
Hier in Dortmund gilt dies für die zwischendurch schon als „Corona-Hotspot“ gedisste Nordstadt; sehr beengte Wohnverhältnisse begünstigen auch Ansteckungen „im Privaten“. In dem Stadtviertel „erprobt“ die Dortmunder Polizei zudem seit kurzem in einem „Pilotprojekt“ Taser bei Einsätzen und Bereiche einer Einkaufsstraße (die Münsterstraße) sollen umfassend videoüberwacht werden. (Armut, und womöglich noch die der nicht als deutsch gelesenen Menschen, ist ein Verbrechen.) Solche besonderen Repressionen gegen eine eher lobbylose infektionsgefährdete Bevölkerung können unter Bedingungen eines vollkommenen Shutdowns nur zunehmen.
Aber davon sollte hier eigentlich nicht die Rede sein.

Für Frauen* und Kinder (und selbstverständlich auch für andere (LGBTI*-)Personen) kann das „stay home“ in Pandemie-Zeiten zur zusätzlichen Gefahr werden. „Die am 02.06.2020 veröffentlichte Studie mit dem Titel: ‚Häusliche Gewalt während der Corona-Pandemie‘ hat bestätigt, was von Praktiker*innen und Expert*innen prognostiziert wurde, die Zahl der Übergriffe und Bedrohungen im eigenen Zuhause stieg während der (strengsten) Kontaktbeschränkungen, die auch jetzt wieder gelten, an“, schrieb die Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser in einer Stellungnahme im Dezember.5Zentrale Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser: Sicherstellung von Aufnahmen gewaltbetroffener Frauen und ihrer Kinder in Frauenhäusern während der Corona-Pandemie, Stellungnahme 17.12.2020, https://www.autonome-frauenhaeuser-zif.de/sites/default/files/report_attachment/aufnahme_waehrend_pandemie_sicherstellen.pdf. Dieser zitierten repräsentativen Umfrage zufolge lagen unter anderem, wenn sich Frauen* in Quarantäne befanden, die Zahlen der Gewaltbetroffenen deutlich höher.6Erste große Studie zu Erfahrungen von Frauen und Kindern in Deutschland. Häusliche Gewalt während der Corona-Pandemie, Technische Universität München, 02.06.2020, https://www.tum.de/nc/die-tum/aktuelles/pressemitteilungen/details/36053/. Ganz zu schweigen von den unerträglich elenden und gewaltvollen Verhältnissen für die in den Lagern für Geflüchtete eingesperrten FLINT-Personen.
Der Rassismus soll hier übrigens ebenfalls spürbar zugenommen haben.7Unteranderem: Corona-Pandemie: „Brandbeschleuniger für Diskriminierung“, Tagesschau, 29.12.2020, https://www.tagesschau.de/inland/coronavirus-diskriminierung-101.html; Minh Thu Tran: Rassismus in der PandemieCovid-19 und zunehmender Rassismus – auf der Suche nach dem Sündenbock, Deutschlandfunk Nova, 29.12.2020, https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/covid-19-und-zunehmender-rassismus-auf-der-suche-nach-dem-suendenbock.
Gesundheit hat viel mehr Aspekte als Infektionsfreiheit (eben auch andere körperliche und psychische…).

Last not least ist die Möglichkeit, die Lohnarbeit vorübergehend einzustellen, insbesondere in feminisierten Dienstleistungsbereichen wie Pflege, Gesundheitsversorgung, Lebensmitteleinzelhandel (und natürlich allem, was an Logistik, Nachschub-, Teileproduktion etc. daran hängt, aber sich in einer verflochtenen, abgestuften Welt nicht unbedingt in Europa befindet) keineswegs vorhanden. Über die sowieso prekären Verhältnisse etwa in Senioren- und anderen ‚Heimen‘, in denen jetzt noch Besuchsmanagement und Schnelltests als Arbeitsbelastungen hinzukommen, ist gerade in letzter Zeit häufiger berichtet worden. Aber bisher hat sich nicht einmal die Bezahlung verbessert! Auch für die Bewohner_innen gibt es kein menschenwürdigeres Leben, obwohl gerade sie es sind, die unter den momentanen Bedingungen sterben (müssen).8„In Berlin etwa ist mehr als jeder zweite Corona-Tote Bewohner eines Pflegeheims gewesen. In Schleswig-Holstein waren es sogar fast 89 Prozent“, berichtete die Tageschau im Dezember, unter: Corona und Pflegeheime: „Wir brechen zusammen“, Tagesschau, 19.12.2020, https://www.tagesschau.de/inland/pflegeheime-weihnachten-101.html. In Dortmund müssen – ausgehend von den täglichen Covid-19-Meldungen der Stadt – die Zahlen der Corona-Toten aus Heimen ebenfalls sehr hoch sein. Zudem stellen sich hier die Fragen: Wer produziert im umfassenden Shutdown eigentlich weiterhin für „uns“? Unter welchen Bedingungen? Und wer pflegt ohnehin für „uns“?
Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Spahn reiste 2019 (unter anderem) nach Mexiko, um Pflegefachkräfte anzuwerben. Die Angeworbenen tragen hierzulande nun dazu bei, in häufig als Verlängerung unbezahlter alstruistischer Reproduktionsarbeit verstandenen Bereichen den ständigen Personalmangel („Pflegenotstand“) zu beheben, der durch Stellenstreichungen, Arbeitsdruck oder schlechte Entlohnung zunächst geschaffen wurde.9Dazu unter anderem: afp/aerzteblatt.de: Spahn will Schnellverfahren für mexikanische Pflegefachkräfte, Ärzteblatt, 23.09.2019, https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/106184/Spahn-will-Schnellverfahren-fuer-mexikanische-Pflegefachkraefte; Bernd Hontschik: Deutschland, ein Paradies für Pflegekräfte? Pflegeimperialismus in Deutschland statt Ursachenbekämpfung, Frankfurter Rundschau, 28.11.2020, https://www.fr.de/panorama/pflegeimperialismus-deutschland-pflegenotstand-pflegekraefte-aus-dem-ausland-jens-spahn-90114518.html. Und ein zusätzlicher Hinweis auf einen älteren Beitrag auf diesem Blog: Care. Krisen. Migration.
Die Impfstoffe für „uns“ wurden übrigens hauptsächlich in mittel- und südamerikanischen Ländern erprobt. Lateinamerika verwandelt sich in ein Testlabor für die Welt“, stellte im August letzten Jahres die Süddeutsche Zeitung fest.10Christoph Gurk: Lateinamerika wird zum Testfeld für die Pharmaindustrie, Süddeutsche Zeitung, 03.08.2020, https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-impfstoff-lateinamerika-pharmaindustrie-1.4986326.

Es geht also bei #ZeroCovid nicht darum, alle Arbeiten einzustellen. Die „Arbeitspflicht“ soll lediglich in bestimmten (produzierenden) Wirtschaftsbereichen ausgesetzt werden und die (häufig öffentlich unsichtbare) Mehrarbeit und Mehrbelastung in meistens vergeschlechtlichen und/oder ethnisierten bzw. globalisierten Feldern setzt sich fort.
Zudem ist es sinnlos, an die europäischen Regierungen zu appellieren, (leicht überspitzt gesagt) den Kapitalismus auszusetzen oder sogar (teilweise) abzuschaffen, oder gleich an den Kapitalismus, das Geld rauszurücken und sich selbst abzuschaffen.
Insofern ist ein Totalshutdown nur unsolidarisch zu haben.

Einige Worte zum Abschluss:
Aber welche Alternativen zu #ZeroCovid, wird in letzter Zeit häufiger gefragt, haben die Kritiker_innen des Aufrufs schon zu bieten? Das ist ganz einfach: Übt Druck aus! Stellt euch zunehmenden Sexismen und Rassismen, wachsenden Ungleichheiten entgegen! Organisiert Proteste und schafft andere Lebensweisen, in denen sich eure Freund_innen und andere Menschen gegenseitig unterstützen können. Das alles und viel mehr ist unter Pandemie-Bedingungen möglich.

Przemoc domowa to nie tradycja
Was zum Beispiel möglich war: Im November war das weithin sichtbare, 15 Meter hohe Kreuz auf dem Wielki Giewont bei Zakopane in Polen zeitweilig durch ein Transparent mit dem Text „Häusliche Gewalt ist keine Tradition” (Przemoc domowa to nie tradycja) verdeckt.

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