Würde der Film Die Stimme von Hind Rajab1Filmkritiken im NDR, in DerStandard, auf Kino-Zeit von Regisseurin Kaouther Ben Hania wirklich den Oscar – offiziell der Academy Award of Merit – in der Kategorie Bester Internationaler Film gewinnen, für den er nominiert ist, wäre sie in dieser Kategorie (erst) die vierte Regisseurin* und gleichzeitig die erste nichteuropäische Gewinnerin*. (Die erste Regisseurin in der damals noch Bester fremdsprachiger Film – Best Foreign Language Film – genanten Kategorie war 1996 die Niederländerin Marleen Gorris.) Und es ist immerhin die 98. Oscar-Verleihung, die am 15. März 2026 in Los Angeles stattfinden soll. Die tunesische Drehbuchautorin und Regisseurin Ben Hania erzählt mit dem Film die reale Geschichte der letzten Stunden des fünfjährigen palästinensischen Mädchens Hind Rajab, um dazu beizutragen, „das vorherrschende Narrativ rund um Gaza ein wenig zu verändern. Die Menschen, die dort in den letzten Jahren ihr Leben verloren haben, sind doch kaum mehr als Kollateralschäden.“ Das sollte tatsächlich für keine der Opfer gelten. Erst am Freitag hatte Israels Armee bestätigt, dass sie die Zahlen der Gesundheitsbehörde im Gazastreifen von 70.000 getöteten Palästinenser*innen in Gaza für realistisch hält.270.000 getötete Palästinenser im Gaza-Krieg: Israels Militär bestätigt Opferzahlen von Hamas-kontrollierter Behörde (Reuters), Tagesspiegel, 30.01.26, https://www.tagesspiegel.de/internationales/70000-getotete-palastinenser-im-gaza-krieg-israels-militar-bestatigt-opferzahlen-von-hamas-kontrollierter-behorde-15201856.html.
In dem hier gekürzt wiedergegebenen Interview spricht Filmemacherin Kaouther Ben Hania mit der Frankfurter Rundschau3Patrick Heidmann (Interview mit Kaouther Ben Hania): Trotz heftiger Kritik: Regisseurin verteidigt Originalaufnahmen von Hind, Frankfurter Rundschau, 29,01.26, https://www.fr.de/zukunft/storys/kultur/trotz-heftiger-kritik-regisseurin-verteidigt-originalaufnahmen-von-hind-94145960.html. über ihr Gefühl der Hilflosigkeit, Kritiken und andere Reaktionen auf ihre Arbeit.

Kaouther Ben Hania, Rotterdam 2024
(Foto: Vera de Kok, CC BY-SA 4.0)
Frau Ben Hania, Ihr Film „Die Stimme von Hind Rajab“ rekonstruiert die Ereignisse des 29. Januars 2024: Das fünfjährige palästinensische Mädchen Hind Rajab überlebte als einzige ihrer Familie einen Angriff der israelischen Armee, steckte über Stunden zwischen den Leichen der anderen in einem Auto fest und hielt per Telefon Kontakt zu Mitarbeitenden der Hilfsorganisation Roter Halbmond. Das Geschehen in deren Büro stellen Sie mittels Spielszenen nach, aber Sie verwenden eben auch die originalen Tonaufnahmen von Hind, die den Tag nicht überlebte. Was sagen Sie zu der Kritik, die letzteres moralisch fragwürdig findet?
Die Tonaufnahmen von Hind gehören zum Schrecklichsten, was ich in meinem Leben je gehört habe. Sie sind kaum auszuhalten. Es war mir ein Anliegen, diese Hör-Erfahrung filmisch festzuhalten, aber natürlich wusste ich, dass ich das überhaupt nur erwägen kann, wenn ich erst einmal mit Hinds Mutter spreche. Und genau das habe ich getan. Sie sagte zu mir, dass es ihr Wunsch sei, dass die Stimme ihrer Tochter gehört und nicht vergessen wird.
… die Vorstellung, Hinds Worte von einer Kinderschauspielerin nachsprechen zu lassen, erschien mir geschmack- und bedeutungslos. Damit hätte ich diesem Mädchen keine Ehre und keinen Respekt erwiesen, so wie seine Mutter es sich wünschte. Wer mir die Verwendung der Aufnahmen vorwirft und sagt, ich hätte unmoralisch gehandelt, will mich zum Schweigen bringen und sträubt sich gegen diesen Film. Ich verstehe es natürlich, wenn man sich unwohl fühlt dabei, die Stimme eines Kindes zu hören, von dem man weiß, dass es am Ende dieses Telefonats nicht mehr lebt. Aber genau deswegen habe ich „Die Stimme von Hind Rajab“ gedreht. Mir ging es nicht darum, dass sich jemand wohlfühlt, denn die Menschen in Gaza fühlen sich auch nicht wohl. …




