Chile: Wir haben keine Ministerin

Gemeinsam mit dem chilenischen Kollektiv LasTesis, das durch seine Performance Un violador en tu camino (Ein Vergewaltiger auf deinem Weg) weltweit bekannt geworden ist, hat die russische Punkrockband Pussy Riot am Wochenende ein Manifest gegen Polizeigewalt und Repression veröffentlicht. Die gemeinschaftliche Erklärung lässt sich hier nachlesen und anhören der Teil von Pussy Riot wird in Mexiko gelesen und Pussy Riot hat dazu ebenfalls ein Musikvideo gepostet. Es geht um die Verschärfung staatlicher Brutalität und Repression, die intensivierte Verfolgung sozialer Kämpfe im Schatten der Covid-19-Pandemie und den dennoch stattfindenden Widerstand in lateinamerikanischen Ländern wie Chile, wo „das Virus für die Regierung von Sebastián Piñera wie gerufen kam“1Wie die Zeitschrift ila in ihrer aktuellen Ausgabe mit Schwerpunkt Chile feststellt: Editorial, ila – Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika, Ausgabe Nr. 435 (Chile), Mai 2020, http://www.ila-web.de/ausgaben/435.. Die vorhergehenden Massenproteste sind dadurch momentan unterbrochen.

Mitte Oktober letzten Jahres hatte in Chile eine geplante Fahrpreiserhöhung für das U-Bahn-Netz der Hauptstadt Santiago Demonstrationen ausgelöst, die sich bald auf das gesamte Land ausgeweitet hatten. Die daraus enstandene Bewegung hatte sich wesentlich gegen die brutale soziale Schere zwischen Arm und Reich und das neoliberale Wirtschaftsmodell gerichtet, das in der chilenischen Verfassung verankert ist, die noch aus der Zeit der Pinochet-Diktatur (1973  – 1990) stammt. Freitag für Freitag hatten in Chiles Städten Hunderttausende gegen Ungleichheit, Armut und Korruption protestiert – gegen das Rentensystem, die für viele untragbaren Kosten für Bildung und Gesundheitversorgung, die Strompreise. Unter anderem mit der Ankündigung eines Referendums über eine neue Verfassung, das eigentlich im April hätte stattfinden sollen (und nun auf Oktober verschoben ist), hatte die konservative Regierung Piñera die aufgebrachte Bevölkerung wieder besänftigen wollen. Die Zugeständnisse konnten die Wut der Protestierenden allerdings nicht mehr bremsen und die Demonstrationen hielten monatelang an.2Unter anderem: Nicole Anliker: Die Chilenen sind wütend – sie wollen einen Systemwechsel, egal, wie hoch der Preis dafür ist, Neue Zürcher Zeitung, 01.12.2019, https://www.nzz.ch/international/chile-anhaltende-proteste-zeugen-von-wut-der-bevoelkerung-ld.1525485. Über 30 Menschen sind seit Beginn der Massenproteste getötet und Tausende verletzt und festgenommen worden. Das chilenische Institut für Menschenrechte (INDH) zählte in einem Bericht am 18. März „bereits mehr als 200 Fälle sexualisierter Gewalt durch Angehörige der Sicherheitsbehörden“3Susanne Brust: Historisch, aber nicht vorbei, Lateinamerika Nachrichten Nummer 550, April 2020, https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/historisch-aber-nicht-vorbei/. seit Mitte Oktober 2019.

Die feministische Bewegung ist (wie ebenfalls in anderen lateinamerikanischen Ländern) eine wichtige Kraft in sozialen Protesten. Noch am Internationalen Frauen*tag, dem 8. März, gingen über drei Millionen Chilen*innen auf die Straße. Allein in der Hauptstadt Santiago kamen mit zwischen 1,8 bis 2 Millionen Menschen mehr Protestierende als jemals zuvor zusammen, die gegen Feminizide und machistische Gewalt und ungleiche Lebens- und Arbeitsverhältnisse demonstrierten. „Tausende Frauen haben die Performance von ‚LasTesis‘ vor dem Regierungspalast La Moneda getanzt. ‚Históricas‘ hat eine Gruppe in Großbuchstaben auf den Asphalt am Plaza Italia geschrieben. Die chilenischen Frauen haben Geschichte geschrieben.“4Sophia Boddenberg: Der Staat, ein Macho, Frankfurter Rundschau, 18.05.20, https://www.fr.de/panorama/staat-macho-13766111.html. Mitte März wurden dann vor dem Hintergrund der Ausbreitung des Coronavirus Versammlungen von mehr als 50 Menschen verboten, das Militär auf den Straßen eingesetzt und danach fanden im Mai in Santiago de Chile anstelle der allgemeinen Demonstrationen Hungerrevolten gegen die dort verhängte strikte Ausgangssperre statt. „‚Die Hungrigen bitten um Brot, Blei gibt ihnen die Miliz‘, sang einst Violeta Parra. Heute steht dieser Satz wieder an den Wänden Santiagos“, schrieb die tageszeitung über den Protest in den armen Gemeinden der Hauptstadtregion.5Sophia Boddenberg: Proteste während der Pandemie in Chile: Hunger in der Hauptstadt, die tageszeitung, 22.05.2020, https://taz.de/Proteste-waehrend-der-Pandemie-in-Chile/!5684411/; weitere Berichte: David Rojas-Kienzle: Corona-Krise in Chile: Schwere Zusammenstöße bei Hungerprotesten, amerika21, 20.05.2020, https://amerika21.de/2020/05/239979/chile-corona-krise-auruhr, Klaus Ehringfeld: Chile in der Corona-Krise: „Wie die Titanic vor dem Eisberg“, Der Spiegel, 01.06.2020, https://www.spiegel.de/politik/ausland/chile-in-der-corona-krise-wie-die-titanic-vor-dem-eisberg-a-f5c2a3ed-1771-44a0-8eda-d5943dc2f50d.

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Bochumer Frauen im Widerstand

Redebeitrag der Gruppe 271 des offenen Antifa-Cafés Bochum zum Gedenken am 8. Mai auf dem Friedhof am Freigrafendamm in Bochum:

„Dass ich noch lebe, verdanke ich jenen Menschen, die bereit waren, einen Verfolgten aufzunehmen. In der Mehrzahl waren es Frauen.“
Ein Überlebender

Wir möchten heute insbesondere an die Frauen erinnern, die während der nationalsozialistischen Herrschaft in Bochum aktiv Widerstand leisteten und diesen mit Haft, Emigration oder ihrem Leben bezahlen mussten. Jahrzehnte nach der Kapitulation Nazideutschlands werden ihre Akte des Widerstandes noch immer marginalisiert.

Bisherige Darstellungen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus stellen vor allem Männer in den Fokus. Sie standen in der Regel im Vordergrund und prägen das Bild der Gegner Hitlers bis heute. Der Blick auf die Frauen, die entweder „dahinter“ standen oder aber auch eigene Formen des Widerstands entwickelten, kommt dabei bislang zu kurz. Als nach der Zerschlagung des nationalsozialistischen Regimes, den durch Teile der Alliierten eingeführten didaktischen Demokratisierungs-Maßnahmen, der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, eine Verdrängung der deutschen Taten einsetzte und das Täter*innenvolk endlich wieder seine angestrebte Lebensnormalität zelebrieren durfte, galt jeder Mensch, der Widerstand geleistet hatte, im gesellschaftlichen Mainstream als „Verräter“.

Foto: www.bo-alternativ.de
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